„Das Leben ist langweilig ohne Job“

Bei Dennis, der die Grundausbildung durchläuft, hat es lange gedauert. Dann kam die Einsicht: „Ich habe gemerkt, dass ich alles kaputt mache, und dass das Leben langweilig ist, ohne einen Job. Ich wusste, dass ich einen Schulabschluss brauche.“

Offenbach - Die Regeln sind streng: Zu spätes Kommen wird nicht geduldet. Handys müssen abgestellt werden. Haschisch, Cannabis und andere Drogen sind selbstverständlich verboten.

Ein Security-Dienst wirft rund um die Uhr ein Auge auf die Jugendlichen und achtet darauf, dass die Jungs und Mädchen sich benehmen und keine Konflikte auf dem Gelände der GOAB austragen.

GOAB - das ist die gemeinnützige Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft. Im Jahre 1985 von der Stadt Offenbach und dem Paritätischen Bildungswerk Hessen gegründet, liegt ihr Existenzzweck darin, sozial Benachteiligte in Ausbildung, Weiterbildung und Beschäftigung zu bringen.

„Herumlümmeln und abhängen gibt es bei uns nicht“, stellt Edda Münster die „Spielregeln“ unmissverständlich klar. Dafür verspricht die Leiterin der Ausbildungswerkstatt und Produktionsschule in der Mühl heimer Straße einen fairen Umgang mit den derzeit 160 Jugendlichen: „Wenn Benehmen und Respekt stimmen, begegnen wir uns hier auf Augenhöhe.“

Frühes Aufstehen bereitet Jugendlichen Probleme

Vor allem das frühe Aufstehen bereitet den Jugendlichen am Anfang große Probleme. Dennoch reißen sie sich zusammen. Sie wissen, dass ihre kreative oder technische Ausbildung bei der GOAB die womöglich letzte Chance ist, in ihrem Leben etwas zu erreichen. Auf dem „ersten Ausbildungsmarkt“ will sie oft keiner: Die meisten der aus 15 unterschiedlichen Nationen stammenden Jugendlichen haben keinen oder nur einen schlechten Hauptschulabschluss und konnten sich bislang - wenn überhaupt - nur mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten.

Mehr als 40-mal hat sich der 19-jährige Karim Kahn um eine Ausbildungsstelle in der Metallbranche beworben. „Da ist nix gelaufen“, sagt Karim, während er an einer großen Maschine Löcher in kleine Metallscheiben bohrt. Spätestens im Vorstellungsgespräch habe man ihm eine Absage erteilt. „Meine Kopfnoten sind zu schlecht - das Sozialverhalten“, sagt er achselzuckend.

Über den Rückgang aller Tugenden und schulischen „Grundlagen“ beim Nachwuchs können viele Betriebe ein Lied singen, betont Edda Münster. Der katastrophale Ruf, der Hauptschülern vorauseilt, wird in einer Umgebung wie der GOAB nicht akzeptiert. „Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Wir sitzen alle in einem Boot, und versuchen zusammen mit der Stadt Offenbach und den Arbeitsagenturen so vielen Jugendlichen wie möglich, einen Berufsstart zu bieten.“

Umgangston der Jugendlichen ist einwandfrei

Schwach dürfen die meist sozial benachteiligten 16- bis 18-Jährigen sein, so Münster: „Dafür gibt es pädagogische Maßnahmen und Lehrgänge. Aber eines müssen sie mitbringen: den Willen, die Probezeit und die gesamte Ausbildung nicht nur mit Ach und Krach zu meistern, sondern es wirklich zu wollen.“ Deshalb fühlt sich Karim Kahn bei der GOAB gut aufgehoben. „Klar, es ist streng hier, aber es muss so sein, um etwas erreichen zu können.“ Er ist dankbar für seine Ausbildung zum Zerspaner: „Wenn man uns eine Chance gibt, nutzen wir die. Wir Hauptschüler sind ja nicht blöd, nur faul.“

Häufig ist es der Freundeskreis, der die Jugendlichen auf das soziale Abstellgleis führt. Die 17-jährige Demet Cancügün ist irgendwann gar nicht mehr zur Schule gegangen, weil ihre Freunde während des Unterrichts lieber auf der Straße abhingen, als Mathe oder Englisch zu pauken. „Ich hatte viel zu viele Fehltage“, erinnert sich Demet. Jetzt macht sie ihre Ausbildung zur Metallbauerin, ist das einzige Mädchen unter den Azubis in der Metallbauwerkstatt. Doch anders als erwartet wird sie hier respektiert - der Umgangston der Jugendlichen ist einwandfrei.

Ein besonderer Fall ist Dennis Hoppe. Der 18-jährige Rodgauer erzählt von seinem Sonderweg: Mit den Eltern hat er sich überworfen, im Alter von 16 Jahren wurde er daheim „rausgeschmissen“, wie er es ausdrückt. „Meine Eltern hatten immer nur Stress mit mir, alles was ich gemacht habe, war falsch: Ob ich zu spät kam oder pünktlich - nie hat es ihnen gepasst.“

Die Einsicht kam

Daheim nicht geliebt und akzeptiert, verlor Dennis seinen Halt in der Pubertät. In der Schule sackten die Leistungen ab, er wurde aggressiv, schlug einen Lehrer. Statt die Schulbank zu drücken, zog er immer häufiger mit Kumpels um die Häuser. Drogen habe er keine genommen, aber: „Wir haben viel Blödsinn gemacht.“

Dennis lässt keinen Zweifel daran, dass er das Leben ohne Regeln, ohne elterliche oder schulische Autorität genoss. Zunächst lebte er bei einem Freund, später versorgte das Jugendamt den Einzelgänger und vermittelte ihm einen Platz in einer Wohngemeinschaft in Obertshausen.

Es hat lange gedauert, doch die Einsicht kam: „Ich habe gemerkt, dass ich alles kaputt mache, und dass das Leben langweilig ist, ohne einen Job. Ich wusste, dass ich einen Schulabschluss brauche.“

Vor fünf Monaten hat Dennis seinen Hauptschulabschluss nachgeholt, eine Betreuerin vom Jugendamt half ihm, Bewerbungen für Ausbildungsplätze zu schreiben, bei der Agentur für Arbeit ließ er sich auf eine Eignungsanalyse ein - und erkannte sein Potenzial: „In Mathe und Geometrie war ich überdurchschnittlich gut, geradezu überqualifiziert.“

Von der Arbeitsagentur vermittelt, will Dennis jetzt eine Ausbildung bei der GOAB machen - vielleicht zum Maschinenanlagenführer. Im Moment durchläuft er die obligatorische Grundausbildung: „Hier laufen zunächst alle Jugendlichen ein und lernen die Grundkompetenzen wie Ordnung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, die in jedem Betrieb notwendig sind“, so Ausbilder Rudolf Kuchar.

Große Umstellung

Es sind die vielen kleinen, allgemeinen Dinge, die - so selbstverständlich sie erscheinen - den Problem-Teenies Schwierigkeiten bereiten: „Das fängt an bei den Umgangsformen, der Pünktlichkeit, der Kleiderordnung - und das Vergessen ist wahnsinnig groß.“

Jetzt muss der 18-jährige Dennis beweisen, was er drauf hat: Mit viel Fleiß und gutem Willen muss er das nachholen, was die anderen Jugendlichen seit August im Theorieunterricht bereits gelernt haben. „Es ist eine ziemlich große Umstellung, morgens aufzustehen, aber man gewöhnt sich daran. Manchmal ist man aber auch einfach etwas faul“, gesteht er ein. „Dennis gehört zu jenen, die mehr könnten, wenn sie sich auch bei den Hausaufgaben mehr Mühe machen würden“, ist Rudolf Kuchar überzeugt.

Wer es schafft, dem winkt am Ende der Grundausbildung eine reguläre Ausbildung, etwa zum Maschinenanlagenführer, Metallbauer oder Zerspaner - alles bei der GOAB.

Welchen Förderbedarf die Betroffenen im Einzelnen haben, wird mit Hilfe von Sozialpädagogen und einer intensiven Betreuung zu Beginn der Grundausbildung erforscht. „Wir sagen jedem Jugendlichen von Anfang an, dass er seine Konflikte von daheim, vom Freundeskreis oder von der Straße hinter sich lassen muss. Sonst wird er es nicht schaffen, die Ausbildung hier zu beenden.“

Um die Jugendlichen möglichst früh mit der harten Realität der Arbeitswelt vertraut zu machen, arbeitet die GOAB mit zahlreichen Betrieben in Stadt und Kreis Offenbach zusammen. In Praktika gewinnen die Azubis eine Vorstellung vom Alltag in einem Handwerksbetrieb.

Gleichzeitig ist auch die Ausbildung bei der GOAB von vorne herein an der Praxis ausgerichtet: In allen Werkstätten stellen die Azubis nach Kundenvorgaben richtige Produkte her.

Öffentlicher Fotoservice

In der Produktionsschule „Technik“ werden gerade Flightcases aus Metall gefertigt, in der Ausbildungswerkstatt der „Schlosserei“ werden Fenstergitter und Balkongeländer für Privatkunden und die Stadt Offenbach aufbereitet, in der Fahrradwerkstatt werden motorisierte und nichtmotorisierte Zweiräder gebaut, gepflegt und gewartet.

Wer noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, kann zunächst die Jugendkreativ-Werkstatt besuchen. Dort lernen 18 bis 24 Jugendliche in so genannten Ein-Euro-Jobs Computeranwendungen zu bedienen, Telefonate zu führen und mit „echten“ Kunden umzugehen.

Hier bietet die GOAB einen öffentlichen Fotoservice an: Kunden können sich im Schmink- und Friseurstudio für private oder Bewerbungsfotos vorbereiten lassen, ehe sie sich ablichten lassen. Gerade kümmert sich Angelo Procida um die digitale Bildnachbearbeitung eines Fotokunden. Der 22-jährige Offenbacher ist einer von vielen Jugendlichen, die trotz nachgeholtem Hauptschulabschluss noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.

Bislang war das für den aus Italien stammenden jungen Mann auch kaum ein Problem: „Wenn man wirklich einen Job will, findet man auch einen.“ So hat er bislang in Call-Centern gearbeitet, im Karosseriebau, im Fast-Food-Restaurant und bei einer Telefonfirma.

Irgendwann aber habe er gedacht: „So kann es nicht weitergehen, schließlich will ich mal eine Familie und ein geregeltes Einkommen haben.“

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