„Das war meine Bombe“

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An der Taunusstraße wurde die Fliegerbombe aus dem Weltkrieg gefunden.

Offenbach ‐ „Ich bin der einzige Offenbacher, der gewusst hat, dass dort eine Bombe liegt.“ Am Tag nach dem aufsehenerregenden Fund an der Taunusstraße meldet sich Egon Hunkel in der Redaktion. Von Simone Weil

Mit Wichtigtuerei hat der 79-Jährige nichts am Hut. Er hat schlicht und einfach erlebt, wie mehrere Sprengkörper im Dezember 1944 abgeworfen wurden.

„Ich habe am Rand der Domstraße gelegen, als die Dinger rund um mich herum eingeschlagen sind“, erzählt der Offenbacher. Höchstens 25 Meter war er entfernt. Die Ereignisse sind ihm noch sehr präsent: 13 Jahre alt war er damals und wohnte mit seiner Familie an der Bernardstraße 36. Er war vormittags mit dem Schlitten unterwegs gewesen, um einer älteren Frau am Nordring Kohlen zu bringen. Weil zuhause niemand war, als er zurückkam, beschloss er, in den Bunker bei St. Paul zu gehen. „Der Zugang war über die Domstraße“, erzählt er.

Leser Egon Hunkel hat den Abwurf als 13-Jähriger beobachtet.

Als er die Taunusstraße hinter sich gelassen hatte, bemerkte er 18 Flugzeuge „in Staffelformation. Die sind immer entlang der Eisenbahnstrecke geflogen“, berichtet der Augenzeuge. Denn damals machte die parallel zur Domstraße verlaufende Bahnhofstraße wegen der dort verkehrenden Lokalbahn ihrem Namen noch alle Ehre. Der kleine Bahnhof an der Ecke zur Luisenstraße sei gezielt anvisiert worden, meint Hunkel. Leser Hans-Peter Koller ist übrigens der Meinung, dass Offenbach nie als Ziel auserkoren worden war, sondern die Angriffe immer Frankfurt galten.

„Ich sehe immer die Flieger vor mir“, erzählt Hunkel. Als er im Teenageralter beobachtet hatte, wie die ersten neun schwarzen Pünktchen zur Erde fielen, legte er sich flach auf die Straße und drückte sich gegen einen hohen Bordstein. Dass einer der Metallzylinder nicht explodiert war, merkte er sofort. Beim Näherkommen sah er die gefährliche Botschaft der Amerikaner in einem Loch liegen.

In ihrem Erdgrab hat sie fast 66 Jahre lang geruht. Dabei hatte der Junge kurz nach dem Abwurf die Polizei verständigt. Doch einige Zeit später fand er das Loch geschlossen vor. Beim zweiten Besuch bei der Polizei habe man ihm gesagt, „da ist nix“.

Viel ist geschehen in der Zwischenzeit

Doch der Offenbacher hat nie an seinem Erlebnis gezweifelt. Warum die Ordnungshüter nichts fanden, falls sie ihn ernst genommen und tatsächlich nachgeschaut haben, erklärt er selbst. „Es kann sein, dass die Bombe in Sand und Lehm immer weiter nach unten gesunken ist.“

„Seitdem hat mich das verfolgt, jahrzehntelang“, gesteht der alte Herr. Viel ist geschehen in der Zwischenzeit. Auch wenn seine Familie den Krieg unbeschadet überstanden hat und sogar der Vater aus dem Krieg heimgekommen war, ist keiner von ihnen mehr am Leben. Längst wohnt Egon Hunkel nicht mehr im Nordend: Mit Gattin Marianne ist er in die Karlstraße 49 gezogen. Die starke Erinnerung an den Krieg und den Bombenhagel hat ihn nicht losgelassen - einmal sei der Blindgänger sogar in seinem Traum explodiert.

Trotzdem war er weder erstaunt noch überrascht, als seine Frau am Donnerstagnachmittag plötzlich zu ihm sagte: „Deine Bombe ist gefunden worden“. Am Abend hat das Paar die Fernsehberichterstattung verfolgt. Gestern griff der Senior dann zum Telefonhörer, um zu erzählen, was er schon so lange wusste. Wirklich erleichtert ist er nicht, dass der Spuk nun vorbei ist: „Es werden leider noch viele andere im Stadtgebiet liegen…“, ist er sich sicher.

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