„Das Scheißwetter...“

+
Da wird ausnahmsweise mal nicht dem Hypochonder die Hand gehalten.

Offenbach „Das Scheißwetter ist Gift für meine Knochen!“, keift Argan, der eingebildete Kranke, beim Betreten der Bühne. Von Katharina Skalli

 

Und der Zuschauer weiß angesichts des kühlen Regens nicht sicher, ob diese Worte schon zum Stück gehören oder ob sie dem Schauspieler Holger Kraus mit Blick ins tropfende Publikum entgleiten. Im Hof des Büsingpalais sind die Besucher tapfer. Als Freiluftveranstaltung war die Theateraufführung des Theaterclubs Elmar in seinem Jubiläumsjahr angekündigt und als solche findet sie statt. Am Eingang hat es für die Zuschauer zum Programm ein Regencape gegeben. Geraschel erfüllt den Innenhof, als sich das Publikum beim ersten heftigen Schauer die schützende Plastikhaube überstreift. „Sie sehen alle so niedlich aus“, grüßt Elmar-Vorsitzender Klaus Walther. Er gibt Bernd, den Bruder des eingebildeten Kranken.

Von allen Reihen strecken sich transparente Zipfelchen in den tiefgrauen Himmel, der am Samstagabend Herbst spielt. Doch Schauspieler und Gäste bleiben hartnäckig und Molières Werk nimmt in hessischer Mundart seinen Lauf: An Argans Zustand ist natürlich keinesfalls das Wetter schuld. Der wohlhabende Familienvater bildet sich nur ein, krank zu sein. Ärzte und Apotheker freuen sich über einen so treuen Kunden. In feinstem Hessisch giftet Argan alias Holger Kraus jeden an, der ihm kein Klistier verabreichen möchte. Am heftigsten streitet er mit seiner Magd Nannchen, grandios gespielt von Gabi Thomas, die sein wehleidiges Spiel längst durchschaut. Sie hat wenig Mitleid, wenn er droht, an „Herz-Gewummer“ und „Herzbändel-Abriss“ zu sterben. Sitzt er nicht in seinem gepolsterten Lehnstuhl, humpelt er, sich den Hintern haltend, aufs Kabinett.

Während der Herr des Hauses halbtot vor Einbildung ist, ist seine älteste Tochter Angelika (Dragica Klauke) das blühende Leben und verliebt sich in den Musiker Klaus, der Argan besucht, um die Hand der Tochter zu erbitten. Doch der Papa hat eigene Pläne. Er will Angelika mit dem frisch promovierten Sohn (Simon Isser) des Doktor Diafoirus (Tilman Camphausen) verheiraten. So hätte er einen Arzt ganz für sich alleine im eigenen Haus. Währenddessen plant seine zweite Ehefrau Belinda (Pia Salzmann) Böses. Mit Apotheker Bär (Thorsten Stichweh), der mehrmals täglich mit dem Klistier dem „Kranken“ die Aufwartung macht, will sie Argan beiseite schaffen und beerben.

„Was für ein Beruf, in dem man mehr Ärsche als Gesichter sieht“, klagt Bär über sein eigenes Schicksal. Mit giftig gelber Perücke wirkt Thorsten Stichweh wie das Böse persönlich. Dabei ist es vor allem Belinda, die den Mord voran treibt. Einen „ekelhaften Saftsack und Sabbeler“ nennt sie ihren „Liebsten“, der sie mit schwülstigen Kosewörtern überschüttet, während im Publikum die Regencapes knistern. Die edlen, glänzenden Roben und die lockigen Perücken der Akteure aus dem Barock passen gut in die neobarocke Kulisse des Palais’.

In der Pause ist man sich einig: „Da steckt viel Enthusiasmus drin.“ Vor allem die Offenbacher Schimpfwörter finden die Besucher „klasse!“, auch wenn die meisten sie wohl nicht über den eigenen Gartenzaun brüllen würden. Das überlassen sie Nannchen und ihrem Herrn. „Du ahle Wutz“ beschimpft Argan die gute Seele, die schließlich als Heiler verkleidet bei ihm eine „Spontanheilung“ bewirkt und ihn anstiftet, die Liebe seiner Ehefrau und seiner Tochter auf die Probe zu stellen. Nur das kleine Luische (Ronja Röhm in ihrer ersten Rolle im Erwachsenen-Ensemble) wird verschont.

Als Belinda den vermeintlich Toten erblickt, ist ihre Freude groß, Argan aber um eine wichtige Erkenntnis reifer. Und als dann auch noch Angelika den Verlust des Vaters bitter beweint, hat der ein Einsehen und erlaubt ihr die Vermählung mit dem jungen Klaus (Daniel Thomas). Und die „wehleidige Gießkann‘“ hüpft munter an den Bühnenrand, um das gut unterhaltene Publikum zu verabschieden.

Kommentare