„Das Schöne sind die Kinder“

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Auch der Namensgeberin Anne Frank fühlt man sich verpflichtet: In der vierten Klasse gibt es einen Exkurs zum Nationalsozialismus. Häufig tragen Migrantenkinder bei diesem Thema zum Unterricht bei, in dem sie von ihren schlimmen Erlebnissen und Ausländerfeindlichkeit berichten. „Die Verfolgung können sie oft gut nachfühlen“, sagt Schulleiterin Hanne Opiolka.

Offenbach ‐ Fast wie ein Aquarium wirkt das Büro von Hanne Opiolka. Denn eine Seite ist komplett verglast, beziehungsweise wird von einer wandhohen Glasvitrine abgeschlossen. So sehen die Kinder immer, ob ihre Schulleiterin da ist. Häufig klopfen sie an die Tür und wollen etwas von ihr. Von Simone Weil

Gleichzeitig ist die Chefin der Anne-Frank-Schule, die im Oktober offiziell zur Rektorin ernannt wurde, von den vielen schönen Dingen umgeben, die im Kunstunterricht und in Zusammenarbeit mit dem Schulkünstler entstanden sind: ein gerade ausbrechender Vulkan, eine Maus und Roboter aus Papprollen. „Ich wäre froh, wir hätten noch mehr Ausstellungsmöglichkeiten wie Vitrinen und schöne Bilderrahmen“, wünscht sich die 54-Jährige.

Übrigens war auch der etwas wärmere Raum ein weiterer Grund für die Lehrerin, ihr früheres Konrektoren-Zimmer gegen den Glaskasten einzutauschen. „Die Heizung ist bei uns unberechenbar, entweder ist sie bullig warm oder kommt nicht richtig auf Touren“, verrät sie.

Seit 26 Jahren arbeitet die in Obertshausen geborene und in Heusenstamm lebende verheiratete Pädagogin an der Anne-Frank-Schule. 15 Jahre lang engagierte sie sich im Personalrat bis sie im Jahr 2004 Konrektorin wurde. Weil die Einrichtung an der Eberhard-von-Rochow-Straße mit etwa 170 Schülern die kleinste Grundschule der Stadt ist, kennt die Leiterin jeden persönlich. Aus diesem Grund genieße sie „die Mini-Größe“, sagt sie.

Hausmeister und Sekretär einzige Männer

Das 14-köpfige Kollegium besteht ausschließlich aus Frauen (und einem Pfarrer mit zwei Wochenstunden). Die einzigen anderen Männer weit und breit sind der Hausmeister und der Sekretär. Dass Letzterer am Telefon häufig für den Schulleiter und Hanne Opiolka für die Sekretärin gehalten wird, zeigt, wie festgefahren die Bilder in den Köpfen immer noch sind.

„Unheimlich gut“ findet es die Lehrerin, dass sie auf ein engagiertes Kollegium und aktive Eltern bauen kann. Sie selbst ist vorwiegend im vom der Hertie-Stiftung finanzierten Förderprogramm Deutsch und PC für Kinder mit sprachlichen Defiziten tätig.

Leider fehlt es bei ihren Schützlingen oft nicht nur an verbalen Fähigkeiten, sondern auch an emotionalen. „Einige haben überhaupt keine Wärme und Zuneigung abgekriegt“, weiß die Pädagogin. „Manche spielen hier noch lange auf dem Schulhof, weil daheim keinem auffällt, ob sie da sind oder nicht.“ Opiolka: „Wir müssen manche Eltern an ihre Pflichten erinnern. Ihre Kinder kommen ohne Frühstück und sind ungepflegt. Manchen muss gesagt werden, dass ihr Nachwuchs ein neues Heft braucht, wenn das alte voll ist.“ Es sei frustrierend, dass man gar nicht so viel helfen könne, wie man möchte.

70 Prozent mit Migrationshintergrund

Die Jungen und Mädchen, die die Schule besuchen, stammen aus den umliegenden Wohngebieten, auch aus dem sozialen Brennpunkt Neusalzer Straße. Etwa 70 Prozent haben einen Migrationshintergrund, manchmal sprechen die Mütter besser die deutsche Sprache als ihre Kinder. Deswegen wird an der Anne-Frank-Schule einiges mehr angeboten: Anti-Aggressionstraining für Jungs und Selbstbehauptung für Mädchen, zusätzlicher Sportunterricht und Förderstunden.

Weil der Nachwuchs oft schwierige Bedingungen mitbringt, setzt man auf eine angenehme und vertrauensvolle Atmosphäre. Das Credo von Hanne Opiolka: „Das Schöne sind die Kinder selbst. Man kann aus jedem etwas herausholen.“ Dass diese positive Herangehensweise erfolgreich ist, belegt die Tatsache, dass manche Abgänger noch ein oder zwei Jahre lang Besuche machen. „Oft sind das sogar die Schüler, mit denen es gar nicht so einfach war“, sagt die Schulleiterin.

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