Vermessungsschiff „Johannes Kepler“

Datenflut vom Flussbett des Mains

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Von Passau bis Mainz im Einsatz : Die „Johannes Kepler“ machte gestern in Offenbach fest.

Offenbach - Gemächlich tuckert das Schiff am Schloss vorbei Richtung Bürgeler Reichstag. Doch Marcel England hat an diesem sonnigen Spätsommertag keine Zeit für den Blick vom Fluss auf die Stadt. Von Matthias Dahmer 

Konzentriert sitzt der 30-Jährige vor seinen fünf Bildschirmen, überwacht die pausenlos eingehenden Daten. Der Geomatiker England arbeitet auf der „Johannes Kepler“, einem 33 Meter langen und neun Meter breiten Motorschiff. Während dessen Namensgeber vor Jahrhunderten nichts Geringeres als den Himmels vermaß, widmet sich die Mannschaft auf dem mit hochsensibler Technik vollgestopften Kahn einer der bedeutensten Frachtschiffahrtstraßen der Republik.

Das Peilschiff des Wasser- und Schifffahrtsamts Schweinfurt ist fast das ganze Jahr auf Main und Donau unterwegs – zwischen Jochstein bei Passau an der österreichischen Grenze bis nach Mainz, wo der Main in den Rhein mündet. Von Schleuse zu Schleuse arbeiten sich die Peiler vor. Gestern ist der 14 Kilometer lange Abschnitt zwischen den Staustufen Offenbach und Mühlheim dran. Mit Flächenecholot, GPS sowie weiteren Bewegungssensoren und Scannern nehmen die Männer der mit fünf bis zehn Stundenkilometern dahingleitenden „Johannes Kepler“ das Flussbett unter die Lupe. Auftrag: Die Tiefe der Wasserstraße für den Schiffsverkehr feststellen.

„Tiefe von 2,90 Metern und eine Breite von 40 Metern“

„Wir garantieren in der Fahrrinne eine Tiefe von 2,90 Metern und eine Breite von 40 Metern, in engen Kurven noch etwas mehr“, sagt der Leiter der Gewässervermessung Gerhard Schraut-Nay. Zeigt sich bei der Vermessung, dass diese Vorgaben nicht mehr eingehalten werden können, weil sich etwa nach einem Hochwasser Ablagerungen gebildet haben, werden die Infos umgehend weitergegeben, müssen die Bagger anrücken. Meist jedoch ist die Notwendigkeit des Freiräumens nicht dem Hochwasser geschuldet. Schraut-Nay: „Es liegt ja so viel Schrott in der Fahrrinne.“ Bei Schweinfurt wurden einmal 2 000 verdächtige Objekte auf 15 Kilometern entdeckt. Vor zwei Jahren, weiß der Vermesser weiter zu berichten, mussten etwa bei Hanau fünf Autos aus dem Main gefischt werden. Es sei leider auch schon vorgekommen, dass man einen Pkw samt Fahrer entdeckt habe. Die Identifizierung des als Hindernis ausgemachten Objekts ist nicht einfach. Das Echolot bildet zum Beispiel ein Auto nur als eine Art Klumpen im Flussbett ab, das als lila Band auf dem Bildschirm flimmert.

Modernste Technik zur Sicherheit der Wasserstraßen: Vermessungstechniker Marcel England muss gleich fünf Monitore im Blick haben.

Marcel England hat gestern einen eher leichten Job. Der Main hat eine ebene Sohle, alle Daten liegen im Normbereich. Mit einem sogenannten Dreikopf-Fächerecholotsystem tastet das Schiff den Grund des sechs Meter tiefen Flusses ab. Jeder Messkopf kostet zirka 60.000 Euro, zusammen liefern sie mehr als 10.000 fast auf den Zentimeter genaue Messungen pro Sekunde. Mit den gewaltigen Datenmengen werden zudem Karten auch in 3D-Ansicht erstellt. Das spezielle Echolot-System wurde vom Wasser- und Schifffahrtsamt mitentwickelt und 2010 auf der 1979 erbauten „Johannes Kepler“ weltweit erstmals eingesetzt.

Dragon-Cup auf dem Main

Dragon-Cup auf dem Main

Einmal pro Jahr tastet die „Johannes Kepler“ den Main ab. Jeweils im Wechsel stehen eine „Verkehrssicherungspeilung“ und eine umfangreichere „Mehrzweckpeilung“ auf dem Programm. Letztere liefert außer den Daten zur Sicherheit auch Infos zur Situation außerhalb der Fahrrinne, etwa für Bauprojekte. So hat auch die Stadt Offenbach einen – wenn auch begrenzten – Nutzen von der Vermessung des Mains. Man habe Daten zur Uferstruktur beim Neubau für den Ruderverein Hellas gut gebrauchen können, berichtet Hans-Peter Bicherl, Abteilungsleiter des städtischen Vermessungsamts. Die Mitarbeiter der Behörde informierten sich gestern über die Arbeit auf dem Peilschiff.

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