Ganz normale Fluglärm-Demonstrantin

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Protest ja, aber nicht als Lebensinhalt: Die Offenbacherin Anita Albert auf dem Balkon ihrer Wohnung im Lauterborn.

Offenbach - Als die ersten Flugzeuge die Offenbacher Innenstadt in Richtung neuer Nordwest-Landebahn überquerten, war für Anita Albert der Moment gekommen: „Jetzt reicht es, habe ich mir gedacht.“ Von Matthias Dahmer

Fortan gehörte die agile 70-Jährige zum harten, aber nicht verbissenen Kern derer, die jeden Montag im Terminal 1 gegen den Ausbau des Flughafens, gegen den Fluglärm protestieren.

Anita Albert ist keine, die schon immer gegen alles war, keine Parteigängerin, keine, deren Vita von Außergewöhnlichkeiten geprägt ist. Eine ganz normale Offenbacherin eben. Und gerade deshalb steht sie exemplarisch für die Fluglärmgegner in der Stadt.

Wir sitzen im Wohnzimmer der ehemaligen Erzieherin. Seit 39 Jahren wohnen die Alberts im Lauterborn, Georg-Büchner-Weg, beste Einflugschneisen-Lage Offenbachs sozusagen. Jahrzehntelang haben sie sich mit den Fliegern, die auch an diesem Montagvormittag im Minutentakt über das Lauterborn donnern, irgendwie arrangiert. Schließlich hatten sie, wenn es ihnen zuviel wurde, noch ihren Schrebergarten. „Das war unsere Zuflucht. Aber mit der neuen Landbahn war es auch dort mit der Ruhe vorbei“, sagt Anita Albert. Überhaupt gebe es mittlerweile gar keine ruhige Ecke mehr in Offenbach. Wie so viele ist sie nicht grundsätzlich gegen den Flughafen, sondern nur gegen dessen Ausbau und den damit verbundenen Anstieg des Lärms.

Nicht den Montagsprotestlern angeschlossen

Völlig unbedarft hat sich Anita Albert indes nicht den Montagsprotestlern angeschlossen: „Ich war schon damals regelmäßig bei den Anhörungsterminen in der Stadthalle dabei, als es um die Erörterung des Planfeststellungsverfahrens ging.“ Im Herbst 2005 war das. Bis aus der Zuhörerin die Demonstrantin Anita Albert werden sollte, mussten aber noch etliche Maschinen den Himmel über Offenbach verlärmen.

Derzeit gehören die Montagsdemo und die regelmäßigen Treffen der Bürgerinitiativen zu ihrem Leben, bekennt Anita Albert und holt ihre „Ausrüstung“ für den Protest herbei. Plakat. T-Shirt, Tasche – nur die Trillerpfeife fehlt, die mag sie nicht. „Protest ja, aber er sollte nicht zum Lebensinhalt werden. Man muss freundlich bleiben“, beschreibt sie ihre Haltung.

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Dass es vorwiegend Ältere sind, die montags öffentlich gegen den Fluglärm sind, findet sie nicht so tragisch. „Die haben halt mehr Zeit, die jüngeren müssen doch arbeiten.“ Dafür weiß sie zum Beispiel von der 90-Jährigen im Rollstuhl zu berichten, die selbst an ihrem Geburtstag unter den Protestlern im Terminal 1 anzutreffen war. Auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen komme man als erkennbarer Demonstrant in der S-Bahn schon ab und zu ins Gespräch. „Aber meistens mit denen, die unsere Haltung teilen. Die, die negativ über uns denken, die grinsen einfach nur.“

„Man wird wohl langsam nervös in den oberen Etagen“

Ob der Protest etwas bewirkt hat? Anita Albert zögert etwas mit ihrer Antwort. Vielleicht das vom Gericht verhängte sechsstündige Nachtflugverbot, was aber viel zu wenig sei. Dann fällt ihr noch etwas ein: „Man wird wohl langsam nervös in den oberen Etagen.“

Wegziehen aus ihrer Geburtsstadt kommt für Anita Albert nicht in Frage. „Ich bin Offenbacherin, ich habe hier meine Familie und will hier bleiben.“ Und was würde sie Fraport-Chef Stefan Schulte gern mal sagen, den sie schon erfolglos wegen Körperverletzung angezeigt hat ? „Ich würde ihn einladen, mal für vier Wochen bei uns im Lauterborn zu wohnen.“

Menschenkette gegen Fluglärm in Offenbach

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