Strom aus Bananenschalen

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Im Deponiepark Wicker endet der Biomüll.

Offenbach - Markus Töpfer, Geschäftsführer des Deponieparks Wicker, erlebt regelmäßig ein Déjà-vu, wenn in Städten und Kreisen die Biotonne eingeführt wird. Stimmt. Von Martin Kuhn

Unsere Leser auch! Töpfer nennt drei sofort angeführte Vorurteile: „Es stinkt, kein Platz für die Tonne, Seuchengefahr. “ Alles unbegründet, sagt Töpfer und führt dem Redakteur lieber vor Augen, wo das verwertet wird, was Offenbacher in noch unzureichender Menge in der braunen Tonne sammeln – von Blumen über Kaffeesatz und Eierschalen bis zu Bananenschalen. Etwa 5000 Tonnen biogene Masse sollten pro Jahr zusammenkommen. Tatsächlich sind es im vergangenen Jahr lediglich 3200 Tonnen; hochgerechnet, da die Abfuhr erst zum 1. April startete. Heißt? „Wir müssen unsere Kunden stärker ansprechen, besser informieren“, so Grünen-Bürgermeister Peter Schneider. Dabei hört sich die Aufgabe nicht so schwierig an. Jeder Offenbacher hat rechnerisch 50 Kilo Bioabfall in die Tonne zu stopfen. Schneider weiß aber auch: „Ohne Grünschnitt ist das kaum zu schaffen.“ Nicht nur am Main ist’s eine Kehrseite stark verdichteter Stadtquartiere.

Was die Offenbacher allerdings sammeln, ist von guter Qualität. „Bislang gibt’s keine Reklamationen“, sagt Markus Patsch. Dem technischen Geschäftsführer der ESO Stadtservice GmbH stimmt Markus Töpfer zu. Was Müllfahrzeuge ins nahezu 40 Kilometer entfernte Wicker karren, beanstanden Deponiepark-Mitarbeiter bei ihrer Sichtkontrolle äußerst selten. „Sehen Sie, das wollen wir auf keinen Fall haben!“, deutet Töpfer auf den braun-grünen, matschigen Berg, den der Radlader in der Halle zusammenschiebt. Tja, da muss schon ein geübtes Auge haben, wer die Plastikbeutel entdecken will. Was unweigerlich zur Frage führt: Was ist mit den vom Handel propagierten kompostierbaren Tüten? „Nein!“, interveniert der Geschäftsführer sofort. Das liegt am Verfahren, das ihm so viel bedeutet: In nur 28 Tagen wird in Wicker das „energetisch und stofflich verwertet“, was ehedem im Hausmüll landete. Die Vergärung ist weniger zeitintensiv und holt letztlich mehr aus dem Bioabfall als gedacht.

Die Müll-Tour zur Biogasanlage ist an einem nass-kalten Wintertag stark verkürzt und geruchsneutral. Im Sommer riecht’s da schon anders, gibt das Team des 84 Hektar großen Deponieparks zu. Die biogene Masse wird direkt nach Anlieferung „gereinigt“: Sackaufreißer, Schredder, Magnete. Die Experten entwickeln ständig neue Apparaturen, um unerwünschte Beimischungen zu entfernen. Wie gesagt: Die Offenbacher Qualität bewerten Experten mit gut. Erheblich schlechter ist etwa, was aus Karlsruhe angeliefert wurde. Als „überschaubar“ bezeichnet es der Geschäftsführer.

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Danach wandert die Masse in die drei Fermenter (je 1500 Kubikmeter Fassungsvermögen), die das Herzstück der Biogasanlage bilden. In dieser Art „Kuhmagen“ wird ohne Sauerstoff-Zufuhr alles auf 55 Grad erwärmt und ständig durchmischt. Das Biogas (Methan) wird sofort abgezogen, in zwei großen Tanks gespeichert und als Treibstoff von Gasturbinen – derzeit 60 Prozent Deponiegas, 40 Prozent Biogas – in elektrische Energie umgewandelt. Die Rechnung des Deponieparks, der Jahr für Jahr gut 55.000 Tonnen Biomüll verarbeitet: Nach Fermentierung wird die Masse mittels mechanischer Entwässerungspressen getrennt. Der flüssige Gärrest (etwa 15.000 Tonnen jährlich) geht direkt als Dünger an die umliegende Landwirtschaft, der feste (zirka 25.000 Tonnen) nach Reifung als Kompost ebenfalls. Der rechnerische Rest treibt als Gas acht Motoren an, die bis zu 15.000 Haushalte mit Strom versorgen können.

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