Chemie im Wartestand

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Dieser Industriekessel, in Offenbach gefertigt, ist so schwer, dass er nur im Erdgeschoss des Hauses der Stadtgeschichte stehen könnte.

Offenbach - „30 Jahre war das auf dem Gelände von Hoechst ausgestellt, wenig beachtet“, sagt Museumsleiter Dr. Jürgen Eichenauer im Keller seines Hauses der Stadtgeschichte. Von Reinhold Gries

„Und hätten sich nicht Stadtverordnete eingeschaltet, wäre das Industriekulturerbe womöglich entsorgt worden. So haben wir mit der Allessa-Schenkung erstmals komplette Zeugnisse eines großen Offenbacher Betriebs, der den Chemiestandort ebenso repräsentiert wie die Industriegeschichte, von 1842 an.“ Die letzten 20 Jahre unter Clariant, Cassella beziehungsweise Allessa fehlen indes.

Eichenauer hat in Depot und Kellern Druckmaschinen, Industriegerät und ein Faber&Schleicher-Schild stehen: Relikte der Offenbacher Industrie, die laut Handelsregister 1965 noch 240 Firmen mit mehr als 30 000 Arbeitnehmern zählte. Mehr als ein Zehntel arbeitete in der Chemie. Auf 50 Seiten „Ehrenblätter Offenbacher Firmen“ des Magistratsjahrbuchs 1954 finden sich fast nur Betriebe, die es nicht mehr gibt. Das beginnt mit Naphtol und Faber&Schleicher/Roland, geht über die Lederwarenfabrik Ludwig Krumm und den Schuhhersteller Conrad Tack bis zu Metallbau- und Maschinenfabriken wie Gebr. Schmaltz, Stahlbau Lavis, Peter Schlesinger, Gebr. Heyne oder Mayer&Schmidt.

Industriekessel kann nur im Erdgeschoss gezeigt werden

Der Strukturwandel ist in den renovierten Kellern des HdS zu greifen, auch der in der Chemie. So beteiligte sich Allessa an den 9000 Euro für Transport und Kran, der einen Kessel ins Depot hievte – „made in Offenbach“ in der Art, in der Lavis Stahlbehälter für Naphtol fertigte. Er ist so schwer, dass er nur in den Industriehallen im Erdgeschoss des Bernardbaus gezeigt werden könnte, falls Räume frei und angemietet werden.

Mit einer vierteiligen Serie wirft unsere Zeitung einen Blick in die Depots von Offenbacher Museen. Teil 1: Haus der Stadtgeschichte

Pumpen, Armaturen, Ventile, Rohre, Mess- und Destilliergeräte, Glaskolben und Reagenzgläser samt Labortischen sind da, um die Abteilung Industriegeschichte aufzubauen. Dazu kommen Stellwände des aufgelösten Allessa-Hoechst-Museums, die 170 Jahre Stadtgeschichte in Text, Bild und Exponaten lebendig werden lassen. Mit einem Werksmodell dokumentieren sie, wie sich der Betrieb seit der Gründung 1842 durch den Darmstädter Chemiker Ernst Sell entwickelt hat – eingebettet in die wirtschaftliche Entwicklung. „Meilensteine“ und Schauvitrinen stellen Familien- und Unternehmergeschichte dar, angefangen mit Karl Gottlieb Oehler, der das Unternehmen von Sell übernahm. Wie Sohn Eduard Oehler galt er als „Blaukönig“, wegen der aus dem Teerprodukt Anilin gewonnenen synthetischen Farben. Bei Oehler gelang das August Wilhelm Hofmann.

Steil aufwärts ging es mit der K. Oehler Anilinfabrik unter dem in der Bevölkerung sehr geschätzten Eduard Oehler, der seine Firma bis 1900 zum Arbeitsplatz für 600 Menschen machte. Weil er nicht die nötige Unterstützung für eine Säurefabrik erhielt, verkaufte er 1905 an Griesheim Elektron. Der neue Besitzer profitierte von seiner Pionierarbeit und von weiteren Patenten. 1911 fanden die Chemiker Winther, Laska und Zitscher ein Prinzip zur Erzeugung wasch- und lichtechter Farbstoffe auf Naturfasern. Unter dem Namen Naphtol AS wurde es als Offenbacher Verfahren zum Welterfolg.

Weltweite Nachfrage

Naphtol ging 1925 an die IG Farben, später an die Farbwerke Hoechst. Die entwickelten nach 1946 ein zweites Standbein, vor allem mit der ab 1958 hergestellten Textilfaser Trevira. Weltweit gefragt waren Polyesterchips für Plastikflaschen, Planen, Audiobänder oder Tennisschläger. Der historische Abriss führt über Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik, Personal- und Sozialpolitik zu Polyesterherstellung, Feinchemikalien und Carbonsäuren.

Stärker herausstellen müsste das Haus Eduard Oehlers Reformen. Als es noch keine Krankenversicherung gab, rief er eine Fabrikkrankenkasse ins Leben, baute hygienische Werkwohnungen, sorgte für preiswertes Frühstück und Mittagessen, intensivierte Unfallverhütung, schuf Badegelegenheiten und saubere Arbeitskleidung. Und er gab die ersten deutschen Volksaktien heraus, die Arbeitnehmer am Gewinn beteiligten. Eine Offenbacher Erfolgsgeschichte, die es samt Allessa-Nachlass zu zeigen lohnt!

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