„Das macht Menschen krank“

Offenbach - Eigentlich soll es in der Reihe „Der OB vor Ort“ um spezifische Probleme im Bezirk zwischen Ledermuseum, Messe und Kaiserlei gehen. Doch Bürger plagt in erster Linie der Krach am Himmel. Von Markus Terharn

„Rettet Offenbach“ steht auf dem Plakat, das Horst Schneider vor Augen hat. Wovor es die Stadt zu schützen gilt, machen aufgebrachte Bürger deutlich: Der Fluglärm ist das beherrschende Thema bei dieser Versammlung der Reihe „Der OB vor Ort“, die zahlreiche Bewohner der Bezirke Nordend, Messe und Kaiserlei in die Akademie für interdisziplinäre Prozesse geführt hat.

Eine Dame: „Ich bin froh, dass ich in Offenbach keine Immobilie gekauft habe. Die sechs Stunden Ruhe wiegen 18 Stunden Lärm nicht auf. Ich überlege wegzuziehen.“ Ein Herr: „Ich wohne seit 50 Jahren an der Körnerstraße. Das war eine gute Gegend. Aber ein Bomber nach dem anderen, das macht die Menschen krank.“ Eine andere Dame: „Wir haben 1996 ein denkmalgeschütztes Haus an der Ludwigstraße erworben. Da kommt alle 20 Sekunden ein Flieger. Wir können hier nicht mehr leben. Wir sehen uns das noch ein Jahr an, dann werden wir verkaufen, mit Verlust.“

Hätte, wäre, wenn - das reicht nicht

Den Vorwurf, er sei für den Krach am Himmel verantwortlich, lässt Schneider nur als SPD-Mitglied auf sich sitzen, nicht als Person. Er betont, dass die Stadt mit Millionenaufwand gerichtlich geklagt habe – er und seine Frau auch privat. „Ich wohne vor der Feuerwehr, ich habe es jetzt stereophon.“ Zustimmung erntet sein Satz: „Hätten die Leute auf dem Lerchesberg und im Frankfurter Süden uns gleich unterstützt, wir hätten eine andere Entscheidung bekommen!“

Hätte, wäre, wenn – dem erbosten Körnerstraßenanlieger reicht das nicht: Mit aller Kraft soll Schneider sich dafür einsetzen, dass die neue Landebahn wegkommt. „Da bin ich zu sehr Realist“, bedauert der Rathauschef. Er verweist darauf, „dass dieser propagandistische Hype um Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze beim Wahlvolk außerhalb des Einzugsgebiets große Wirkung zeigt“.

Als „abstruse Wortschöpfung“ kritisiert Schneider die Lärmschutzzone: „Der Lärm wird vor uns geschützt...“ Dagegen sei die von einem Besucher bemängelte geringere Überflughöhe „nicht so wie subjektiv wahrgenommen“: Dieser Eindruck rühre daher, dass die neue Landebahn von vielen alten, lauteren Maschinen angeflogen werde.

„Immer anrufen, denen auf die Nerven gehen“

Schneider nutzt die Gelegenheit zu einer lokalpatriotischen Parole: „Sie werden von mir nicht hören, dass man in dieser Stadt nicht leben kann. Mich tragen Sie hier nicht lebend raus!“

„Immer anrufen, denen auf die Nerven gehen“, rät der OB. Das ließe sich auch bei den Montagsdemos im Terminal tun. Aktivistin Katja Werner indes klagt: „Es ist schwer, Offenbacher zu mobilisieren. Die Flörsheimer kommen einheitlich in Gelb, wir kriegen das nicht hin.“

Werner schlägt den Bogen zur Schule, will wissen, wie Lernende vor Lärm bewahrt werden können. Schneider versichert, energetische Sanierung (Stichwort: Dreifachverglasung) habe auch lärmmindernde Effekte. Die akute Raumnot der benachbarten Goetheschule kann er indes nicht so rasch beheben: Dem Satz „Das Nordend braucht die Hafenschule jetzt!“, den ein Bürger hochhält, würde er zustimmen.

Neue Häuser am Luisenhof und am Hafen, neue Betriebe am Kaiserlei: Diese Themen haben die Fachleute der Verwaltung eigentlich vorbereitet. Erfreut hat ihr Boss registriert, „dass in der Innenstadt ganz viel Kapital unterwegs ist, um Wohngebäude im Bestand zu kaufen“. Diese Investoren glaubten daran, „dass Offenbach sich positiv entwickelt, trotz Fluglärm“.

Und vielleicht hat Schneider im Saal der Akademie ja auch diesen Spruch gesehen: „Mut führt zu Ideen, die Aufmerksamkeit erregen!“

Rubriklistenbild: © dpa

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