Deutsche Bahn gegen DeinBus

+
Nils Winkelmann (links) hängt sich mit an den Bus: Der 24-Jährige Student will die drei Unternehmensgründer Christian Janisch (28), Alexander Kuhr (26) und Ingo Mayr-Knoch (25) bei ihrer Idee unterstützen (von rechts).

Offenbach ‐ Die Strapazen der vergangenen Woche sind Christian Janisch deutlich ins Gesicht geschrieben. Vier Stunden Schlaf pro Tag, mehr sei nicht drin gewesen. Von Johannes Vetter

Der Student gießt sich noch einen Kaffee ein und schaut abermals konzentriert auf sein Notebook. „Wenn man eine Klage von der Bahn hat, kann man sich kaum noch um das eigentliche Tagesgeschäft kümmern.“ Sein Büro in der Offenbacher Heyne-Fabrik wirkt noch ein wenig kahl. Die Bilder für die großen weißen Wände stehen schon bereit, müssen nur noch aufgehängt werden. Janisch kam vor über einem Jahr zusammen mit seinen Studienfreunden Alexander Kuhr und Ingo Mayr-Knoch nach Offenbach. Für ihr Start-Up-Unternehmen DeinBus, einer Busmitfahrzentrale, sei der Standort optimal.

„Die Stadt passt zu uns“, meint der 28-Jährige. „Offenbach ist ja auch eher der Underdog, Frankfurt mehr die Diva“. Wie lange die drei Studenten noch bleiben werden ist ungewiss. Die Deutsche Bahn - bis ins Jahr 2000 hatte sie ihren Unternehmenssitz noch in Frankfurt - hat die Offenbacher Underdogs auf Unterlassung verklagt. Die Verhandlung am 19. November vor dem Landgericht Frankfurt könnte das Aus für eine kreative Geschäftsidee bedeuten und gleichsam die Monopolstellung der Bahn im Fernverkehr unterstreichen.

Gesetz einst zum Schutz der Deutschen Reichsbahn

In vielen europäischen Staaten sind Fernbusse eine echte Alternative zur Bahn. In Deutschland hingegen sind selbst zwischen den Metropolen spärlich Busverbindungen zu finden. Das wurde Mayr-Knoch nach seinem Auslandssemester in Spanien erst richtig bewusst. Kuhr erging es ähnlich. Er war mit Bussen durch Osteuropa gereist. Zurück an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen suchten die Studenten die Ursache für den unterentwickelten Fernbusverkehr in Deutschland. Der Grund: ein uraltes Gesetz aus dem Jahre 1934.

Das Personenbeförderungsgesetz war einst zum Schutz der jungen Deutschen Reichsbahn entworfen worden und sichert der Bahn bis heute ein handfestes Monopol. Fernbuslinien können demnach nur genehmigt werden, wenn damit eine „wesentliche Verbesserung“ des Verkehrsnetzes einhergeht. Allerdings kann das Gesetz niemandem verbieten, sich selbst einen Bus zu mieten.

Genau das ist die Idee von DeinBus. Das Internet macht's möglich. Auf DeinBus.de kann sich jeder einfach selbst einen Bus mieten und die Strecke für Mitfahrer anbieten. Die Organisation der Fahrt übernehmen die drei Studenten. Findet sich über die Internetplattform eine kritische Masse von 15 bis 20 Mitfahrern, kann es losgehen. Für eine Fahrt von Frankfurt nach Köln zahlen die Fahrgäste damit nur zwischen fünf und 12,50 Euro. Mit der Bahn sind es mindestens 34,40 Euro, ohne Bahncard.

Liberalisierung des Fernverkehrsmarktes

„Die Strecke Frankfurt - Köln hat sich mittlerweile etabliert“, erläutert Janisch. Zumindest freitags und sonntags. Eben deswegen glaubt die Bahn hier an einen versteckten Linienverkehr, für den das Unternehmen keine Genehmigung hat - und wohl kaum eine bekommen würde. Genehmigt ist den drei Studenten lediglich der Gelegenheitsverkehr. Einen festen Fahrplan gibt es bei DeinBus offensichtlich nicht. Das erklärt sich schon aus dem Prinzip der Mitfahrzentrale. Aber Janisch glaubt ohnehin nicht, dass es der Bahn wirklich um die juristische Klärung geht: „Die wollen uns damit nur beschäftigen. Das ist wie, wenn dir deine Frau sagt, du hast fremdgeknutscht. Dann bist du erst einmal in der Defensive, egal was war“.

Wieso die Bahn gegen ihr kleines studentisches Unternehmen eine Klage anstrengt, in „krummer Rechtsauffassung“, wie es dazu auf DeinBus.de heißt, kann sich Janisch nur damit erklären, dass das Unternehmen Konkurrenz schon im Keim ersticken wolle. Von Seiten der Bahn heißt es dazu vermeintlich uneigennützig, dass ihr Vorgehen nicht „dem Schutz des Unternehmens Deutsche Bahn, sondern dem Schutz des Systems Schiene“ diene.

Auf uneingeschränkte Rückendeckung der Regierung für diesen rigorosen Schienenschutz kann das Staatsunternehmen allerdings nicht mehr bauen. Im Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb ist für 2011 eine Liberalisierung des Fernverkehrsmarktes in Aussicht stellt. Die Bahn scheint sich dafür schon fit zu machen. Von den wenigen Fernbuslinien in Deutschland sind schon jetzt 90 Prozent in ihren Händen.

6.000 Facebook-Fans

Für die Studenten kein Grund aufzugeben. Mit Kreativität und Witz arbeiten sie auf den existenzbedrohenden Prozess ihrer Firma hin: „Die juristischen Argumente, die die Bahn in ihrer Klage aufführt, sind so, wie die Klimaanlagen ihrer ICE's: Sie funktionieren nicht, aber sie bringen uns dennoch zum Schwitzen“, schreiben sie auf ihrer Internet-Plattform. Über das Netz verbreitete sich die Nachricht rasant: David gegen Goliath, DeinBus gegen die Deutsche Bahn.

In nur zwei Wochen stieg die Zahl der Facebook-Fans der Busmitfahrgelegenheit von 1 100 auf knapp 6 000. Damit hat DeinBus im landesweit größten sozialen Netzwerk mehr Fans als die Deutsche Bahn AG - ungeachtet der Aktionsticket-Seite der Bahn. Außerdem riefen die Studenten eine Petition für Mobilität mit kleinem Geldbeutel ins Leben. Über 4 500 Befürworter haben bereits unterzeichnet.

Ursprünglich wollten sie alle Petitionsunterzeichner auf ein T-Shirt drucken und dieses zum Prozesstag anziehen. Das werde nun wohl schwierig, gibt Janisch schmunzelnd zu. Anwaltliche Unterstützung erhalten sie von Freunden. Die Prozesskosten werden sich auf etwa 10 000 Euro belaufen. Ohne die finanzielle Unterstützung von Freunden und Familie wären sie das Risiko nicht eingegangen. Mittlerweile hat sich dieses jedoch halbiert. Auf ihrem erst vor zwei Wochen eingerichteten Spendenkonto, sind schon über 5 000 Euro eingegangen. Wenn es so weiter geht, könnten sie sich möglicherweise sogar die zweite Instanz gegen den Konzern leisten.

Kommentare