Die Idee eines Besessenen

Deutsches Ledermuseum besteht seit 100 Jahren

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Was heute als Ledermuseum zum Renommee der Stadt beiträgt, war einst ein Lagerhaus, das 1829 erbaut worden war und mit der Zeit verfiel. 1928 wurde die Immobilie wiederhergestellt, ab 1938 durfte Hugo Eberhard sie zum Deutschen Ledermuseum umbauen.

Offenbach - Das Deutsche Ledermuseum ist in ein Jubiläumsjahr eingetreten: Es kann sein hundertjähriges Bestehen feiern und will das ganze Jahr hindurch mit Sonderveranstaltungen auf sich aufmerksam machen. Von Lothar R. Braun 

Dabei wird viel vom Leder als einem in aller Welt genutzten Werkstoff und Kulturgut die Rede sein. Wobei die Geschichte des Hauses an der Frankfurter Straße mehrere Kapitel der Stadtgeschichte beleuchtet. Begonnen hat das, wie alles im Leben, ganz klein. Offenbach war bereits „die Lederstadt“, als der Architekt Hugo Eberhardt im Sommer 1912 Ferien im damals noch österreichischen Südtirol machte. Bei einem Händler in Meran entdeckte er eine hochwertig verarbeitete Ledertruhe aus dem 16. Jahrhundert. Beim aus Schwaben stammenden Offenbacher entzündete das edle Stück eine Idee.

Eberhardt leitete in Offenbach die Technischen Lehranstalten, aus denen mittlerweile die Hochschule für Gestaltung hervorgegangen ist. Sie bildete auch Designer für die aufblühende Offenbacher Lederwarenindustrie aus. Der Gedanke, den angehenden Gestaltern anregende Meisterwerke als Anschauungsmaterial zugänglich zu machen, ließ den Schulleiter nicht mehr los. Er wurde zum besessenen Sammler. Einundvierzig Jahre nach dem Erwerb der Meraner Truhe ehrte die Stadt Offenbach den Sammler mit der Ernennung zum Ehrenbürger.

Aus seiner Sammlung entstand das Ledermuseum: Hugo Eberhardt.

Was er zusammentrug, füllte zunächst nur einen Raum in dem von Eberhardt entworfenen Neubau am Isenburger Schloss. In den war die Schule 1913 vom Mathildenplatz umgezogen. Aber die Sammlung wuchs weiter. Eberhardt verstand es, immer wieder Mäzene zu finden, die sein Vorhaben unterstützten. Schon begann der Volksmund, ihn als „Offenbachs größten Schnorrer“ zu bezeichnen. Es wurde eng im Schulgebäude. Am 11. März 1917 aber gelang Eberhardt ein Etappensieg: Aus seiner Sammlung wurde ganz offiziell eine öffentliche Einrichtung, das Ledermuseum.

Noch war das eine bescheidene und eingeengte Einrichtung mit mäßigem Publikumsinteresse. Das änderte sich erst, als der Gründer 1924 für sein Museum die 1886 erbaute Villa der Fabrikantenfamilie Pfaltz an der Ecke Kaiser- und Bettinastraße nutzen konnte. Sie wurde 1938 abgerissen. 1950 entstand an ihrer Stelle die erste Halle der Offenbacher Internationalen Lederwarenmesse. Von Hugo Eberhardt wird gesagt, er habe jeden umarmt, der seinem Museum nützlich sein konnte. Er war mit dem kunstsinnigen Darmstädter Großherzog Ernst Ludwig vertraut, kam nach dem Ende der Monarchie mit den Politikern der Republik zurecht und verschaffte sich nach 1933 auch das Vertrauen der nunmehr Mächtigen in den braunen Uniformen.

Die stellten ihm 1938 eine vergammelte Immobilie aus der Geschichte der Stadt zur Verfügung, das Alte Lagerhaus an der Frankfurter Straße. Er durfte es nach seinen eigenen Vorstellungen umbauen zum Deutschen Ledermuseum. Erbaut worden war das Lagerhaus 1829, als die politischen Verhältnisse es begünstigten, dass die traditionsreiche Frankfurter Gütermesse sich über die Zollgrenze hinweg ins hessische Offenbach zu verlagern begann. Offenbach verschaffte das einen gewaltigen Schub in die Neuzeit. Doch 1836 hatte Frankfurt seinen alten Rang zurückgewonnen, und der Messebau an der Frankfurter Straße verkam zur Rumpelkammer der Stadt. Am 10. Dezember 1938 schmückten Hakenkreuzfahnen den renovierten Bau. Uniformierte Einheiten von SA und Hitlerjugend empfingen die Prominenz aus Partei und Zivilbehörden. Sie feierten das Museum als Beispiel einer nationalsozialistisch ausgerichteten deutschen Kultur. Die Offenbacher aber freuten sich einfach über diese attraktive Nutzung ihres alten Lagerhauses.

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