Das sollten Sie wissen

Diabetes davonlaufen

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Die Spritze gehört zum Alltag der Diabetiker. Ob Typ 1 oder Typ 2: Sport hilft Erkrankten, ihren Zustand zu verbessern.

Offenbach - Viel mehr als „es ist echt Mist“ konnte Matthias Schmidt kurz nach der Diagnose nicht denken. Irgendwie war es aber auch befreiend. Von Domenico Sciurti

Endlich wusste er, wieso es ihm in den vergangenen Monaten so schlecht ging: 27 Jahre alt, das ganze Leben noch vor sich; der Berliner, der wegen seines Studiums ins Rhein-Main Gebiet gezogen war, hat Diabetes. Von diesem Sonntag im Juni 2011 an, der Tag, an dem er zum Bereitschaftsarzt ging, weil sein Leiden zu groß war und sich nicht mehr mit Überarbeitung erklären ließ, sein Durst immer stärker wurde und seine Toilettengänge immer häufiger - von diesem Tag an nun muss er sich für den Rest seines Lebens Insulin spritzen. „Es ist echt Mist“, dachte Matthias, als er vom Arzt ins Bürgerhospital in Frankfurt eingewiesen wurde und dort erst einmal eine Woche bleiben musste.

„Diabetes ist auf dem besten Wege, Volkskrankheit Nummer 1 zu werden“, heißt es im Deutschen Gesundheitsbericht 2013. Demnach sind hierzulande derzeit sechs Millionen Menschen von der Stoffwechselkrankheit betroffen. Allein in Hessen sind es mehr als eine halbe Millionen. Tendenz steigend.

Die meisten Menschen sterben nicht an einem erhöhten Blutzucker, aber an den Folgeerkrankungen. Im Gesundheitsbericht heißt es: „Herzinfarkte treten dreimal und Amputationen an den Beinen acht bis 18-mal häufiger auf.“ Besonders oft erkrankten die Betroffenen an den Augen und benötigten Dialysebehandlungen. Das Leben eines jüngeren Typ-2-Diabetes-Patienten verkürze sich im Schnitt um etwa acht Jahre, heißt es. 90 Prozent aller Diabetiker in Deutschland sind vom Typ 2 betroffen. Lediglich fünf bis zehn Prozent, umgerechnet etwa 300 000 Menschen, haben Typ 1 – unter ihnen: Matthias Schmidt.

Diabetes Typ 1 ist unheilbar

Matthias Schmidt, Student aus Offenbach, hat die Krankheit mit Laufen und einer Ernährungsänderung in den Griff bekommen.

Diabetes Typ 1 ist unheilbar. „Es ist eine Autoimmunkrankheit“, erklärt Professor Dr. Kristian Rett, Diabetologe im Krankenhaus Sachsenhausen. „Eine angeborene genetische Disposition“, ergänzt er. Bei dieser Erkrankung wird die Bauchspeicheldrüse, die für die Produktion des Insulins im Körper zuständig ist, von der Immunabwehr als fremd angesehen. Die Zellen, die das Insulin produzieren, werden vom eigenen Körper zerstört. Zwar befindet sich Matthias in der so genannten Remissionsphase, noch produziert sein Körper etwas Insulin; es ist aber nur eine Frage der Zeit, wann auch das aufhören wird.

Im Krankenhaus wurde Matthias vor allem motiviert. Nach einem Gespräch mit einer Psychologin sei er sogar euphorisiert gewesen, erinnert er sich. Er wusste, er hat es selbst in der Hand. Er wollte aktiv gegen die Krankheit angehen. Deswegen entschied er sich für mehr Sport- Aktivitäten. Beim gelegentlichen Kick mit Freunden sollte es nicht bleiben. Er stieg bei der Laufgruppe des „Diabetes Programm Deutschland“ (DPD) ein. „Sport ist heute meine Hauptmotivationsquelle“, sagt er.

Seit Monaten treffen sich fünf Typ-1- und Typ-2-Diabetiker, um gemeinsam zu laufen. Ansporn ist neben der Bekämpfung der Krankheit ein Zehn-Kilometer-Lauf im Oktober beim größten Marathon in Köln. Matthias Schmidt möchte sogar 21 Kilometer schaffen. Beim Trainingsprogramm werden die Diabetiker im Auftrag der Techniker Krankenkasse von der 25-jährigen Sportmedizin-Studentin Andrea Schramm betreut.

„Die Diagnose Diabetes ist erschreckend“

„Die Diagnose Diabetes ist erschreckend“, sagt Bettina von Olfers – gerade für an Typ 1 Erkrankte, da „das ja nie wieder weg geht“. Auch in der Folge beeinflusse die Krankheit das Verhalten stark: „Droht ein Diabetiker in die Unterzuckerung zu rutschen, wird er nervös“, gibt sie ein Beispiel. Von Olfers ist Psychologin in Frankfurt und hat sich unter anderem auf fettleibige Menschen spezialisiert, oftmals sind die auch an Diabetes Typ 2 erkrankt. Diese Patienten neigten zu Depressionen und schweren Schuldgefühlen, da der Krankheits-Typ im Gegensatz zum Typ 1 nicht angeboren ist, sondern häufig – bei entsprechender Disposition – infolge eines ungesunden Lebensstils selbst verschuldet ist. Die Arbeit der Psychologin bestehe also darin, vor allem die Patienten zu motivieren, „damit sie grundlegend und langfristig ein neues Essverhalten erlernen und sich sportlich betätigen“.

Professor Dr. Kristian Rett: „Die Menschen sollten alles vergessen, was da draußen über Diabetes gesagt wird“. Es gebe gute Behandlungsmöglichkeiten.

Die Werte von Dieter Roth, er ist Laufkollege von Matthias, waren vor zwei Jahren so schlecht, dass ihm sein Arzt nur noch fünf Jahre zu leben gab, sollte Dieter nichts unternehmen. Der 61-Jährige fiel nach der Diagnose in ein Loch. Wegen einer chronischen Darmerkrankung war er zudem Frührentner. Das war zu viel. „Ich bin vor dem Fernseher verelendet“, beschreibt er seinen damaligen Zustand. „Ich war ungewaschen und unrasiert.“ Dieter schämt sich nicht dafür. Manche Ärzte würden, sagte er, nur „drum herum reden“ und gerade Männern in seinem Alter, die Diabetes haben oder denen es zumindest droht, nicht den Ernst der Situation verdeutlichen. „Man müsste diesen Männern ins Gesicht schreien, dass sie impotent werden.“ Dieter hat keine Angst davor, es auszusprechen. „Dann würden sie vielleicht was gegen die Krankheit tun.“ Bis zu dem Tag, an dem der Arzt Dieter nur noch fünf Jahre Lebenszeit prognostizierte, nahm er lediglich Anti-Diabetiker-Tabletten ein. Nun war es Zeit, Insulin zu spritzen. Doch das wollte Dieter nicht. Sehr präsent waren ihm noch die Bilder seines Vaters, wie der „innerlich verbrannte“. So beschreibt Dieter das Versagen der Organe als Folge des Diabetes. Auch sein Vater hatte Diabetes Typ 2. Dieter hätte damals wissen können, dass er laut Statistiken eine mehr als 40-prozentige Wahrscheinlichkeit hatte, ebenfalls an Diabetes zu erkranken. Insulin spritzen ist für ihn heute noch letzte Option - „das Ende der Leiter.“ Das will er so lange vermeiden, wie es geht. Damals suchte er deswegen im Internet nach Leidensgenossen, Männer in seinem Alter mit Diabetes Typ 2. Die rieten ihm, Sport zu treiben. Heute spritzt sich Dieter immer noch kein Insulin. Seine Werte haben sich enorm verbessert. „Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen“, sagt er.

Diabetes: Das sollten Sie wissen

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Sich körperlich zu betätigen, rät auch Professor Rett seinen Patienten. „Den Diabetes kann man davon radeln“, verbildlicht er sein Anliegen. „Die Menschen sollten alles vergessen, was da draußen über Diabetes gesagt wird“, sagt der Facharzt. Es sei keine Katastrophe mehr an Diabetes zu erkranken. Solange man etwas dagegen unternimmt. In den Augen des Arztes könne man die Erkrankung sogar als Chance sehen. Wer sportlich aktiv wird, könne in Kombination mit einer geregelten Ernährung seine Lebenschancen deutlich verbessern. Denn etwas haben die Diabetes-Krankheitsbilder Typ 1 und 2 gemeinsam: Durch Sport verbessert sich der Zustand stark. Neben der Gewichtsabnahme läge das auch daran, dass die Muskeln im Körper durch Sport sensibler auf Insulin reagierten. Dadurch benötige man weniger Medikamente.

„Wie habe ich das geschafft“, fragt sich der seit Januar in Offenbach lebende Theologiestudent Matthias Schmidt heute oft – beispielsweise nachdem er einen Halbmarathon gelaufen ist. Am Tag seiner Diagnose hatte Matthias viel Glück gehabt, weiß er heute. Seine Blutzuckerwerte waren so hoch, dass das Messgerät kein Zahl mehr anzeigen konnte. Im Anzeigefeld blinkte nur das Wort „high“ (hoch), erzählt er. Er hätte in ein sogenanntes Diabetisches Koma fallen können, das kann auch lebensbedrohlich sein. Während seines Krankenhausaufenthaltes wurde Matthias geschult, mit der Krankheit umzugehen. Dort lernte er seinen Zucker zu messen, wie er sich Insulin spritzt und er begann, sich richtig zu ernähren. Das hieß in erster Linie: rechnen. Heute weiß er ohne groß darüber nachzudenken, wie viele Kohlenhydrate beispielsweise ein halbes Brötchen mit Nutella hat und wie viel Insulin er dafür spritzen muss. Doch seine Werte hat Matthias heute vor allem deswegen gut im Griff, weil er Sport treibt.

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