„Dann plötzlich nur noch strenge Diät?“

Mit der sogenannten „Diabetes Fußambulanz“ verfügt das Klinikum Offenbach über ein Musterbeispiel, wie gelebte Zusammenarbeit zwischen Klinik und Arztpraxen aussehen kann und wie sich dies auf die Behandlungsqualität auswirkt. Das Team der Ambulanz bei der Arbeit: Dr. Dieter Klein (links) und Dr. Stefan Rothfritz sowie Dr. Gerd Nitzsche dahinter.

Offenbach - „Als mir mein Arzt sagte, ich hätte Diabetes vom Typ 2, das war schockierend“, berichtete die ältere Dame, die gestern „aus unmittelbarem persönlichen Interesse“ an der Auftaktveranstaltung des Diabetes-Präventionsprojekts „Fit und gesund älter werden“ im Offenbacher Rathaus teilnahm. Von Peter Schulte-Holtey

„Dabei habe ich mich eigentlich immer ganz gesund gefühlt“, erinnerte sie sich an ihr Erstaunen vor einem Jahr, als ihr der Hausarzt die Diagnose Diabetes eröffnete. „Ich hab zwar ein bisschen Übergewicht, - na ja, auch einen hohen Blutdruck. Und ich sollte mehr Sport machen, das wusste ich doch. Aber dann plötzlich nur noch strengste Diät? Und vielleicht auch Tabletten? Mein Leben lang?“ Was die Seniorin gestern am Rande der Veranstaltung im Rathaus-Sitzungssaal erzählte, zeigt genau das auf, worauf es den Organisatoren des Pilotprojektes in Offenbach ankommt: Sie wollen aufklären. Das Motto: Diabetes ist vermeidbar.

600.000 Diabetiker in Hessen in Behandlung

Es gibt viel zu tun: Laut Gesundheitsbericht steht Diabetes an zweiter Stelle der chronischen Krankheiten in Hessen. 600.000 Diabetiker werden in Hessen behandelt. Dr. Dieter Klein, Oberarzt und Diabetologe am Klinikum Offenbach, erinnerte gestern daran, dass viele gar nichts von der schleichenden Erkrankung wissen. So geht er davon aus, dass 30 Prozent der Patienten im Krankenhaus Diabetiker sind. Viele erfahren es erst in der Klinik.

Mit „Fit und gesund älter werden“ möchte die Landesärztekammer in Offenbach (und im Landkreis Hersfeld-Rotenburg) testen, was Vorbild für ähnliche Aktionen überall in Hessen sein soll. Gemeinsam mit Ärzten, ihren Kooperationspartnern - Gesundheitsamt und Sportbüro der Stadt Offenbach, Landessportbund Hessen, Sportkreis Offenbach, Deutscher Gesellschaft für Ernährung - Sektion Hessen, Klinikum Offenbach, Ketteler Krankenhaus, Hessischer Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung, Landesverband Hessen des Deutschen Diabetikerbundes - und Sportvereinen, Übungsleitern sowie Ernährungsberatern soll ein Beitrag zur Vorbeugung von Typ-2-Diabetes geleistet werden. Pressepartner ist unsere Mediengruppe. Die Stadt Offenbach und das Sozialministerium haben die Schirmherrschaft des Modellprojekts, Cornelia Hanisch, ehemalige deutsche Fechterin und Olympiasiegerin, hat die Patenschaft übernommen. „Wir wollen darüber informieren, wie man sich durch einen geänderten Lebensstil vor Typ-2-Diabetes schützen und dabei auch das eigene Wohlbefinden erhöhen kann“, sagte Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer Hessen, bei der Auftaktveranstaltung.

Zu wenig Bewegung und falsche Ernährung als Ursachen

Ursachen der „Diabetesepidemie“ in Deutschland seien Mangelbewegung als Hauptproblem und Fehlernährung, machte der ärztliche Ansprechpartner des Modellprojekts in Offenbach, Dr. Christian Klepzig, deutlich. „Präventionsstudien haben gezeigt, dass vor allem Bewegung, aber auch eine Ernährungsumstellung das Auftreten von Diabetes um 50 Prozent reduzieren kann“, so Klepzig. „Bewegung und Sport sind relativ leichte Mittel, den Gesundheitszustand erheblich zu verbessern“, unterstrich Ralf-Rainer Klatt, Vizepräsident des Landessportbundes. Der Verband verfolge schon seit längerem das Ziel, die große Gruppe der „Nicht-Beweger“ anzusprechen und habe bereits vor sechs Jahren in Kooperation mit der Ärzteschaft das „Rezept für Bewegung“ eingeführt.

„Wir möchten dazu beitragen, dass die Menschen in Offenbach und der Umgebung in der Nähe ihres Wohnortes medizinisch optimal versorgt werden. Deshalb liegt uns die lokale Vernetzung in Offenbach sehr am Herzen“, betonte Franziska Mecke-Bilz, Geschäftsführerin des Klinikums Offenbach: „Und so waren wir auch von Anfang an als Kooperationspartner eingebunden und werden es finanziell unterstützen.“ Auch Privatdozent Dr. Stephan Sahm, Chefarzt am Ketteler Krankenhaus, hob die Notwendigkeit der Zusammenarbeit hervor. „In den Kliniken ist es wichtig, diejenigen zu erkennen, aufzuklären und zu beraten, deren Stoffwechselerkrankung zunächst verkannt wurde.“

Risiko ist den Menschen oft nicht bewusst

Viele Menschen leiden an Diabetes, ohne es zu wissen. Doch die Zahl derjenigen, die durch ihre Lebensweise ein besonderes Risiko haben, Typ-2-Diabetes zu entwickeln, ist wesentlich höher. Daher beginnt das Projekt „Fit und gesund älter werden“ mit einer vierwöchigen Fragebogenaktion zur Ermittlung des Diabetes-Risikos in Offenbacher Arztpraxen und auf Stationen des Klinikums. Die Fragebogenaktion bietet Medizinern die Möglichkeit, Risiko-Patienten gezielt auf eine mögliche Diabetesgefährdung anzusprechen, sie zu beraten und ihnen schließlich auch über das „Rezept für Bewegung“ Angebote von Offenbacher Sportvereinen sowie Ernährungsberatung zu empfehlen. Im Anschluss an die Aktion werden die anonymisierten Fragebögen von der Landesärztekammer ausgewertet.

Höhepunkt des ehrgeizigen Projekts ist der öffentliche Patiententag am 28. April von 10 bis 16 Uhr im Rathaus Offenbach, auf dem unter anderem die Ergebnisse der Fragebogenaktion präsentiert werden. Die Veranstaltung will mit einem umfassenden Programm Aufklärungsarbeit betreiben. Geplant sind Experten-Vorträge, Diskussionsrunden, Beratung, Workshops zu Bewegung und Ernährung und einem Markt der Möglichkeiten. Ein informativer Reigen rund um Prävention durch Bewegung und Ernährung, Musik (Frauen-Senioren-Rockband „Weiberg‘sang“, Senioren-Rockband „Too young to be old“, beide aus Offenbach) und ein Mediziner-Kabarett („elephant toilet“ aus Gießen) runden das Angebot ab.

Warum Offenbach für das hessenweite Pilotprojekt ausgesucht wurde? Für Chefarzt Sahm eine klare Sache. „Wir sind ja Gesundheitsstadt.“ Katja Möhrle, Pressesprecherin der Landesärztekammer: „Die Stadt hat eine sehr heterogene Bevölkerungsstruktur.“ Landessportbund-Vertreter Klatt ergänzte: „Wir haben in Offenbach ein sehr gut funktionierendes Netzwerk für Sport und Gesundheit.“ Und er erinnert an ein besonderes Projekt: So stehen in der Stadt und im Kreis Offenbach auch zahlreiche, ehrenamtlich tätige „Bewegungs-Starthelfer“ zur Verfügung, die kostenlos beraten und begleiten, wenn es heißt: „Auf geht’s - jetzt!“

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