Ärger wegen Kinderlärm

Dicke Luft im Mehrgenerationenhaus: Streit droht zu eskalieren

Das Mehrgenerationenhaus Weikertsblochstraße 58
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Homeoffice war im Mehrgenerationenhaus nicht unbedingt vorgesehen – nun kollidieren Konzentrationsbedürfnis und Kinderlärm.

Eigentlich funktioniert das Zusammenleben im Mehrgenerationenwohnhaus an der Weikertsblochstraße in Offenbach problemlos. Doch die Corona-Pandemie brachte unerwartete Veränderungen mit sich.

Offenbach - Das Mehrgenerationenwohnhaus an der Weikertsblochstraße ist ein gefördertes Vorzeigeprojekt. Von der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GBO) errichtet, vom Verein Lebenszeiten getragen, vereint das Modell Wohngemeinschaften weit auseinanderliegender Jahrgänge. Bislang funktionierte das Zusammenleben im Mehrgenerationenhaus problemlos und dank des Vereins auch als sehr lebendiges Miteinander. Dann kam Corona.

Und nicht nur liegen, wie bereits vor einem Jahr berichtet, alle Aktivitäten in der Weikertblochstraße auf Eis. Plötzlich leben die Generationen nicht mehr nur zusammen, sondern prallen dank sich ändernder Umstände aufeinander. Homeoffice und gleichzeitig viel jugendliche Freizeit dank Homeschooling hat das Vorzeigeprojekt nicht vorausgesehen. Es kollidieren das Bedürfnis nach ungestörter Konzentration am heimischen Schreibtisch und die Lust am Sich-Artikulieren im Freien. Seit vergangenem Jahr hat sich in der Weikertsblochstraße 58 ein handfester Streit entwickelt.

Offenbach: Schwierige Situation im Mehrgenerationenhaus - „Kinder machen wirklich extremen Lärm“

28 Parteien, 40 Menschen, leben Tür an Tür. Die jüngste Bewohnerin ist im Grundschulalter, die Älteste 86 Jahre alt. Der Haussegen hängt aber dort schief, wo neue Bedürfnisse des Erwerbslebens beeinträchtig gesehen werden. Dreh- und Angelpunkt des Streits: Kinder, die im Hof spielen und dabei einen gewissen Geräuschpegel verursachen.

„Ich muss jetzt im Homeoffice arbeiten, und die Kinder machen wirklich extremen Lärm“, klagt eine Bewohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Aus Angst vor den Reaktionen der anderen, sagt sie. Sie sei aber nicht die einzige, die ein Problem mit dem lärmenden Nachwuchs habe. Auch andere müssten sich bei der Arbeit daheim schließlich konzentrieren. Das aber sei so nicht möglich.

Haussegen im Mehrgenerationenhaus in Offenbach hängt schief: Bewohnerin berichtet von Drohungen

Seit Beginn der Pandemie ist der Hof des Mehrgenerationenwohnhauses zum Treffpunkt der dort lebenden Kinder und ihrer Freunde aus der unmittelbaren Nachbarschaft geworden. Sie spielen dort rund um einen kleinen Sandkasten, fahren Roller. Sonst sieht es mit Freizeitangeboten derzeit schließlich mau aus, alles ist dicht, auch die Vereine, selbst Kita- und Schulbesuch sind nicht mehr selbstverständlich.

„Es sind etwa zwölf Kinder, zwischen vier Jahren und dem Teenageralter“, sagt die Beschwerdeführerin. „Die sind teilweise bis 23 Uhr draußen, die Eltern kümmern sich gar nicht.“ Zu reden sei mit ihnen ebenfalls nicht, um eine Lösung zu finden. Mittlerweile sei der Ton sehr aggressiv, auch von Drohungen berichtet sie.

Offenbach: Stimmungstief im Mehrgenerationenhaus – Bewohner wussten, worauf sie sich einlassen

Dass die Kommunikation zwischen den beteiligten Parteien mittlerweile tatsächlich schwierig geworden ist, bestätigt eine Nachbarin. „Der Ton macht die Musik“, sagt sie. Doch der stimmt offenbar längst nicht mehr. Sie allerdings teilt die Aufregung nicht: „Kinder haben das Recht zu spielen.“

Und schließlich habe man sich bei Gründung des Mehrgenerationenhauses bewusst dafür entschieden, dort ganz verschiedene Menschen zusammenzubringen, jung und alt, arm und reich, mit Migrationshintergrund und ohne, mit und ohne Behinderung: „Alle die eingezogen sind, haben gewusst, worauf sie sich einlassen.“

Ärger unter Bewohnern des Mehrgenerationenhauses: Kinder sollen sich anderen Ort zum Spielen suchen

Dass sich Nachbarn, die derzeit zuhause arbeiten müssen, möglicherweise gestört fühlen durch die Kinder im Hof, kann die Frau zwar verstehen. Dennoch müsse man sich eben arrangieren. „Ich denke, das lässt sich irgendwie klären.“ Eine Hoffnung, die die Lärmgeplagte nicht teilt: „Es muss ein paar Regeln geben.“ Sie schlägt etwa bestimmte Spielzeiten vor, oder dass sich die Kinder am besten gleich einen anderen Ort zum Spielen suchen.

Sie hat sich schon ans städtische Schiedsgericht gewandt. Dort sieht man aber keine Aussicht auf Erfolg. Der Vorstand des Vereins Lebenszeiten möchte sich öffentlich nicht zu den Reibereien äußern. Er hat sich aber um einen Mediator bemüht, der zur Klärung beitragen soll.

Die GBO vertritt eine Meinung, die Bewohnern, die sich fürs Homeoffice Ruhe wünschen, nicht gefallen dürfte. Die Vermieterin weist auf Gerichtsurteile hin, nach denen Kinderlärm geduldet werden müsse. Und macht deutlich, wo ihre Sympathien liegen: „Es ist schade, dass sich jemand, der sich für das Wohnen in einem Mehrgenerationenhaus entscheidet, über die Geräusche von Kindern beschwert.“ (Von Lena Jochum)

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