„Die Angst vorm Tod verloren“

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Das Ziel der Palliativstation ist es, Patienten und Kranken einen Abschied mit Würde zu ermöglichen.

Offenbach - Todkranke suchen sie auf: Die Palliativstation des Klinikums Offenbach, eine von neun in Hessen. Manchmal aber ist die Krankheit dafür schon zu mächtig. Von Sebastian Faerber

Nicht als Sterbebegleitung, als Hospiz also, versteht sich die Einrichtung. Vielmehr soll eine individuelle Medikation die Patienten stabilisieren, ihre Schmerzen lindern und ihnen ermöglichen, das Krankenhaus zu verlassen, um die letzten Tage im Kreis der Familie zu verbringen. Für die Mitarbeiter der Station ist auch das kein Grund, nach Schema F zu verfahren, wie Traudel Hoffmann erfahren hat.

Mit seinen dicken Polstern lädt das Sofa zum Einsinken ein. Traudel Hoffmann nimmt Platz. Nicht zurückgelehnt, sondern aufrecht, den Rücken gerade. Ruhigen Schritts läuft eine Schwester vorbei, lächelt und nickt ihr zu. „Hier bin ich das erste Mal mit dem Tod in Berührung gekommen“, erzählt die Dame, die jetzt Witwe ist. 69 Jahre wurde ihr Mann alt. Dann kam der Krebs. Und mit ihm Fragen, für die es keine klaren Lösungen gibt. Aber Hilfe, nicht an der Suche nach ultimativen Antworten zu verzweifeln.

An einem Samstag wurde ihr Gatte in die Urologie aufgenommen. „Am Montag ging es ihm so schlecht, dass die Ärzte sagten, sie könnten nichts mehr für ihn tun“, schildert Hofmann. Die Diagnose traf das Ehepaar hart. Zwar war ihr Mann bereits vor 13 Jahren an Blasenkrebs erkrankt, erzählt Traudel Hoffmann. Aber als die Ärzte in der Leber unheilbare Metastasen fanden, war das trotzdem unerwartet.

„Mein Mann hat immer viele Pläne mit mir gemacht“, erinnert sich die 61-Jährige. Nun stellte sich eine ganz andere Frage. Nämlich die, wie sie die letzten gemeinsamen Tage verbringen. In einem Artikel hatte sie von der Palliativstation gelesen: „Mein Mann wollte davon zunächst nichts wissen. Aber ich meinte, ‚komm, wir sehen uns das an!‘“

Überzeugt, am richtigen Ort zu sein

Mit welcher Herzlichkeit sie auf der Station aufgenommen wurden, das habe sie davon überzeugt, am richtigen Ort zu sein.

Eine kleine Küche, in einem Aquarium schwimmen Fische durch ihre eigene Welt, die Wände tragen Pastellfarben. „Mein Mann liebte diese warmen Töne“, erzählt Hoffmann, während draußen vorm Fenster der kalte Wind letzte Blätter aus den Baumwipfeln bläst. Die Atmosphäre, das unaufgeregte Personal und die stimmige Einrichtung, das alles habe auf sie und ihren Mann beruhigend gewirkt. Auch, weil etwas fehlte: „Kochen, Wäsche machen, das Telefon klingelt: Zuhause geht der Alltag weiter“. Sie konnte ihrem Mann ohne das Gewicht der Banalität dieser Lasten beistehen. „So hatten wir noch Zeit für uns und konnten liebe Dinge sagen.“

Ein paar Tag vor seinem Tod bat ihr Mann sie, nicht mehr nach Hause zu gehen. Die Schwestern stellten zwei Betten zusammen, sie konnte bleiben. Einige Zeit später versagte ihrem Gatten die Stimme. „Aber immer, wenn ich seine Hand gehalten habe, wurde er ruhiger.“ Kurz darauf starb er.

Nun, nach der Bestattung, ist sie sich sicher, der Umgang, die Herzlichkeit, mit der ihnen die Angestellten des Klinikums begegneten, seien eine einmalige Erfahrung gewesen und der Grund, warum sie auch jetzt noch die Kraft hat, gefasst über den Verlust zu sprechen. „Hier habe ich die Angst vorm Tod verloren“, fügt sie die Erlebnisse zusammen und lehnt sich zurück.

Lob gilt dem Personal

„Aber ich habe Angst davor, nach Hause zu kommen“, gesteht Hofmann und presst die Lippen aufeinander. Dass ihre Stärke anhält, versteht sie als Gelegenheit, auf die Palliativstation aufmerksam zu machen. Denn meist werde nur darüber gesprochen, für Kinder zu spenden, was natürlich wichtig sei. „Ich habe ja Enkel und ein Herz für Kinder“, erklärt sie. Doch auch die Station im Dr. Erich-Rebentisch-Zentrum am Klinikum finanziert sich über Spenden.

Das Spendenkonto ist bei der Sparkasse Offenbach: Konto 107328, Bankleitzahl 505 500 20, Stichwort Palliativstation.

Das Lob gilt dem Personal. Zwar arbeiten die Ärzte und Schwestern der Palliativstation nicht weniger schwer als ihre Kolleginnen, „aber mit einem anderen Ausdruck im Gesicht“, erklärt eine der Frauen. Eine spezielle Ausbildung qualifiziert formal für die Aufgaben. Beispielsweise seien sie bemüht, Hektik von den Patienten fern zu halten. Krankenhauskleidung ist tabu, und den Tagesablauf passen sie dem Rhythmus der Kranken an. Maßgeblich aber sei das Wesen. Und das sei keinem Lehrbuch zu entnehmen.

Erfahrungen sammelten die Schwestern etwa bei der Radioonkologie, den Stationen für Bestrahlungen und Chemotherapie. „Die Arbeit hier mit Gesprächen und Zuhören kommt unserem Ideal, wegen dem wir Schwestern werden wollten, am nächsten.“, Für sie der Grund, warum sie trotz alledem gerne zur Arbeit kommen.

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