Die Schotten dicht machen?

Offenbach wächst rasant: Ist die Grenze schon erreicht?

Die Politik sieht beim Wachstum der Stadt noch Handlungsspielräume. Richtschnur soll der Masterplan sein.
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Die Politik sieht beim Wachstum der Stadt noch Handlungsspielräume. Richtschnur soll der Masterplan sein.

Offenbach wächst rasant und hat doch die kleinste Fläche unter den Großstädten in Hessen. Wo liegt die Grenze des Wachstums?

Offenbach – Um rund 20. 000 Einwohner – die Größe einer Kleinstadt – ist Offenbach in den vergangenen Jahren gewachsen. Knapp 140 .000 Einwohner zählt die Kommune mit der kleinsten Gemarkungsfläche aller hessischen Großstädte mittlerweile. Sind damit nicht die Grenzen des Wachstums erreicht? Die Politik beantwortet die Frage in seltener Einmütigkeit.

Der Eindruck täuscht nicht: Überall, wo es rechtlich möglich ist, entstanden und entstehen in Offenbach Wohnungen. Das gilt für das Vorzeigeprojekt Hafenviertel ebenso wie für ehemalige Hinterhöfe, in denen nun Verdichtung angesagt ist.

Viele Baulücken in Offenbach wurden geschlossen

In den vergangenen fünf Jahren, darauf weist Stadtsprecher Fabian El-Cheikh hin, wurden zahlreiche Baulücken geschlossen und frühere Gewerbeflächen im erweiterten Innenstadtbereich für Wohnbebauung erschlossen. Als Beispiele nennt er das Bauvorhaben „Am Spitzen Eck“ im Großen Biergrund, den Luisenhof, die Kappushöfe, das Senefelder- oder auch das Goethequartier.“ Aber auch auf kleineren bislang unbebauten Flächen entstünden neue Wohngebäude, etwa am Bahndamm entlang der Feldstraße.

Nicht wenige Offenbacher befürchten, dass damit die Grenzen des Wachstums längst erreicht sind. Zumal zum einen die Lebensqualität darunter leidet und zum anderen das Wachstum eine Infrastruktur voraussetzt, die das arme Offenbach eigentlich gar nicht stemmen kann. Aktueller Kristallisationspunkt dieser Ängste ist der Konflikt um die geplante Bebauung von Bieber Waldhof-West.

So sehen die Offenbacher Stadtparlamentarier die Dinge

Wir haben Offenbacher Volksvertreter, konkret: im Stadtparlament vertretene Fraktionen, um ihre Sicht der Dinge gebeten. Im Ergebnis teilen alle diese Befürchtungen nicht.

Der größte Teil der gewachsenen Bevölkerung habe durch Innenverdichtung und Umstrukturierung ehemaliger Gewerbeflächen Wohnungen finden können, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Regierungskoalition aus CDU, Grünen FDP und Freien Wählern. Dieser Trend zur Innenverdichtung halte an und eine solche sei oftmals nach dem Baugesetzbuch auch ohne Weiteres möglich. „Das Potenzial für zusätzliches Flächenwachstum wird durch die im Masterplan genannten Flächen definiert und beschränkt“, verweisen die Koalitionsspitzen auf die von der Politik seinerzeit im breiten Konsens beschlossene Marschrichtung.

Auf den Masterplan verweist auch die SPD-Fraktion: Er gebe den Rahmen vor, so Fraktionsvorsitzender Martin Wilhelm. Prüfstein für die Nutzung von Flächen müsse sein, dass die Balance gehalten werden kann, zwischen wirtschaftlichem Wachstum sowie dringend benötigten bezahlbaren Wohnungen auf der einen Seite und umweltverträglicher Planung und Schaffung von Infrastruktur wie Schulen oder auch Kitas auf der anderen.

Was die Einwohnerprognosen angeht weist Wilhelm auf Unsicherheiten hin, da viele Grundeigentümer heute schon Baurecht hätten und es unterschiedlich nutzen würden. „Wir gehen aber von 160 000 Einwohnern Ende der 20er-Jahre aus“, so der SPD-Fraktionschef.

Bei der Frage, wie die nötige Infrastruktur zu finanzieren ist, müssen nach Ansicht der Tansania-Koalition auch andere Akteure mit ins Boot geholt werden: Beschlusslage sei, bei Wohnungsbauprojekten die Investoren oder Grundstückseigentümer wenn möglich an den Kosten zu beteiligen. Für die Schaffung neuer Kitaplätze geschehe das bereits, es sollen aber künftig beispielsweise auch Kosten für den Schulbau einbezogen werden. „Wichtig ist, dass Land und Bund bei Investitionsprogrammen nicht nur die Sanierung, sondern auch die Erweiterung von Infrastruktur bezuschusst“, so die Koalition.

Uneinigkeit bei der Frage nach einer besseren Wirtschaft für Offenbach

Unterschiedlich wird bewertet, ob in den nächsten Jahren einkommensstärkere Zuzügler das erforderliche Geld in die Offenbacher Wirtschaft und in die Stadtkasse spülen. Während die Koalition zumindest die Beobachtung gemacht hat, dass sich die Zusammensetzung der Bevölkerung durch die Neubaugebiete verändert habe und man damit dem Ziel des Masterplans näher komme, eine bessere Balance zu erreichen, betont die SPD, diese Rechnung sei von ihr niemals aufgemacht worden. Martin Wilhelm: „Offenbachs Finanzen ist sofort geholfen, wenn Bund und Land ihrer Verantwortung für die von ihnen beschlossenen Sozialgesetzgebung nachkommen.“ Langfristig werde sich aber der Kurs von Oberbürgermeister Felix Schwenke auszahlen, in Offenbach starke und zukunftsfähige Unternehmen anzusiedeln und Arbeitsplätze zu schaffen.

Sowohl Koalition als auch Sozialdemokraten sehen mit Blick auf die geplante Bebauung von Bieber Waldhof-West die Stadt Offenbach in der Verantwortung, wenn es darum geht, dem Siedlungsdruck in der Region Rechnung zu tragen. „Alle Kommunen im Rhein-Main-Gebiet haben Zuwachs. Wer Zuwachs hat, muss sich darauf einstellen und diesen durch kluge Planung steuern“, sagen die Koalitionäre. Einfach aussitzen oder durch Beschlüsse abweisen lasse sich diese Entwicklung nicht. Dass eine Stadt in der wachsenden Region die Schotten dicht mache und gleichsam als Insel bleibe, wie sie ist, stelle kein realistisches Szenario dar.

Keine Festlegung der Grenzen des Wachstums

Offenbach profitiere von der Region und habe deshalb auch eine Verantwortung auf dem Wohnungsmarkt, für eine angemessene Infrastruktur für seine Einwohner und für die Ansiedlung von Arbeitsplätzen, meint auch SPD-Fraktionschef Wilhelm. Zugleich hält er es aber für einen Fehler, den Wohnungsdruck nur innerhalb des vom grünen hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir vorgeschlagenen „Frankfurter Bogens Ring“ zu befriedigen möchte. „Basis darf nicht ein Radius von 30 Minuten Fahrzeit im heutigen S-Bahn-Netz sein, sondern wir brauchen Investitionen in die Schiene, die es ermöglichen von Aschaffenburg, Limburg oder Schlüchtern in 30 Minuten in das Herz der Region zu pendeln“, so Wilhelm.

Einer ausdrücklichen Festlegung, wann die Grenzen des Wachstums für Offenbach erreicht sind, bedarf es nach Ansicht der Fraktionen im Stadtparlament nicht. Diese Grenzen definiere der Masterplan, heißt es. (Von Matthias Dahmer)

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