Die Wurzeln nicht verlieren

Die Stadt Offenbach hat sieben muttersprachliche Gemeinden

Vielfältiges Gemeindeleben: Das Bild zeigt eine Gruppe der Rumänisch-orthodoxen Kirchengemeinde mit Pfarrer Stefan Anghel.
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Vielfältiges Gemeindeleben: Das Bild zeigt eine Gruppe der Rumänisch-orthodoxen Kirchengemeinde mit Pfarrer Stefan Anghel.

Das Gemeindeleben in Offenbach ist so vielfältig und international wie die Stadt selbst. Sieben muttersprachliche Gemeinden in der Stadt ermöglichen es Christen, ihren Glauben in ihrer Herkunftssprache auszuleben: Dem Bistum Mainz gehören die Italienische, Kroatische, Polnische, Portugiesische und Spanische Gemeinde an. Darüber hinaus gibt es die Griechische und die Rumänisch-orthodoxe Kirchengemeinde.

Offenbach – Die meisten von ihnen sind schon seit Jahrzehnten aktiv und für ihre Mitglieder ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens, ein Stück Heimat. Bereits in den 1960ern-Jahren liegen die Ursprünge der Portugiesisch sprechenden katholischen Gemeinde. Mit der Ankunft der ersten sogenannten Gastarbeiter trafen sich die Portugiesen aus der Region zu gemeinsamen Gottesdiensten in Frankfurt. 1968 kam Pfarrer José Cabral nach Deutschland, studierte in Mainz und begann, seine Landsleute zu unterstützen. Zunächst arbeitetet er in Frankfurt und Kaiserslautern. Als 1979 die „Katholische Mission Offenbach“ gegründet wurde, wurde er zum ersten Pfarrer der Gemeinde ernannt.

In 40 Jahren fanden in der Gemeinde 376 Taufen und 76 Hochzeiten statt. Durchschnittlich gibt es acht Gottesdienste im Monat in der Kirche St. Paul. Einmal im Monat sind die Mitglieder dazu eingeladen, den deutschen Gottesdienst in der Gemeinde zu besuchen, wo sie leben (Integrationsgottesdienst).

Zusätzlich hat die Gemeinde zwei Chöre, eine Folkloretanzgruppe, bietet alle Sakramente und beteiligt sich am kulturellen Leben der Stadt, etwa am Mainuferfest. Wichtig ist soziales Engagement: „Krankenbesuche, Gefangenenbesuche, Unterstützung von Menschen in Not, Kreis der Ruheständler, christliche Begegnung und Begleitung von Jugendlichen, Studenten und Familien“, erläutert das Gemeindebüro mit Sitz an der Marienstraße 38.

Auch für die Polnische Katholische Gemeinde spielt der soziale Aspekt eine besondere Rolle. Es gibt eine monatliche kostenlose Anwaltsberatung, zudem seit 18 Jahren eine Gruppe der anonymen Alkoholiker. Dazu kommen verschiedene Gruppen wie die Krabbelgruppe, Ehevorbereitungskurse, Erstkommunionsvorbereitung, Firmungsvorbereitung, Polnisch lernen für die Kinder. „Unsere Gemeinde ist für die polnischen Menschen zu einer zweiten Heimat geworden“, sagt Pfarrsekretärin Renata Kramczynska. „Aber leider ist wegen Corona momentan alles eingeschränkt.“ Fast 32 000 Mitglieder hat die 1988 gegründete Gemeinde an der Berliner Straße. Es gibt vier Gottesdienste auf Polnisch in St. Peter (Samstag um 19 Uhr, Sonntag um 8, 12 und 20 Uhr), der Pfarrer ist Tadeusz Michalik.

Einen polnischen Pfarrer hat auch die Spanischsprachige Katholische Gemeinde. Jan Koczy wurde in Ratibor, Oberschlesien, geboren. „Er hat 18 Jahre in Ecuador gearbeitet, daher spricht er Spanisch“, erläutert Pfarrsekretärin Patricia Morán.

Die Gemeinde hat zirka 3200 Mitglieder, aufgeteilt auf fünf Dekanate (Offenbach, Dreieich, Rodgau, Seligenstadt, Wetterau West).

Rund 100 Menschen erscheinen zu den drei wöchentlichen Gottesdiensten, in Offenbach sonntags um 11.45 Uhr in St. Konrad. Zusätzlich zu den Heiligen Messen bietet die Gemeinde einmal im Monat ein Seniorentreffen, besucht regelmäßig die JVA Butzbach, hat einen Chor, bietet Ausflüge und Kindertreffen. In Planung sind eine Bibliothek sowie gemeinsame Gottesdienste mit der deutschen Gemeinde. Jeden zweiten Dienstag des Monats findet ein Rosenkranzgebet online statt. „Seit Corona übertragen wir die Messe in Offenbach auch online“, berichtet Morán.

Die Gemeinde mit Büro an der Taunusstraße 4-8 besteht seit 1960. „Der Hintergrund war den Einwanderern einen Ort in ihrer Muttersprache zu geben und Traditionen fortzuführen wie Taufen,Trauungen, Hochzeiten und Beerdigungen“, so die Pfarrsekretärin. „Und eine große Gemeinschaft zu bilden, sich gegenseitig zu helfen und unterstützen und die Wurzeln nicht zu verlieren.“

Die Wurzeln und die eigene Kultur zu erhalten, gleichzeitig aber zu integrieren – dieses Ziel verfolgt auch die Rumänisch-orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Nikolaus mit eigenen Kirchenräumen an der Backstraße 16. Sie wurde 1975 gegründet und 1976 ins Vereinsregister eingetragen. Unter dem Motto „Integration mit Wurzel“ treffen sich Arbeitsgruppen und beschäftigen sich sowohl mit der rumänischen Geschichte, Tradition und Sprache als auch dem Leben in Deutschland. Neuzuwanderer erhalten Orientierung im deutschen Bildungs- und Sozialsystem sowie Sprachkurse. Im niedrigschwelligen Deutsch-Unterricht werden Themen des Alltags erarbeitet, die den Kursteilnehmern die Kommunikation mit den Behörden und den Nachbarn ermöglichen sollen. Es gibt Mutter-Kind-Gruppen, Eltern- und Frauen-AGs, eine Rumänische Wochenendschule und gemeinsame Fahrten, bei denen auch pädagogische Aspekte aufgegriffen werden. So wird zum Beispiel die Nutzung des Smartphones kritisch diskutiert.

Die Gemeinde hat 482 registrierte Mitglieder, doch es bestehen Kontakte zu mehr als 12 000 Rumänen, einen Teil davon aus der Moldawischen Republik, wie Pfarrer Stefan Anghel berichtet. Viermal pro Woche gibt es gut besuchte Gottesdienste, die auch online übertragen werden, zusätzliche werden an kirchlichen Feiertagen angeboten. Rund 90 bis 120 Taufen werden im Jahr gefeiert. Bestattungen innerhalb der Gemeinde finden oft auf dem Rumänisch-orthodoxen Grabfeld auf dem Frankfurter Waldfriedhof statt.

Seit 2015 ist die Gemeinde zudem zuständiges Dekanat für 17 rumänische Kirchengemeinden in Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und in Luxemburg. Ein echtes Offenbacher Erfolgsmodell.

Infos im Internet

portugiesische-gemeinde.de, pmk-offenbach.de

miscaoffes.com (spanisch)

biserica.comeuron.net (rumänisch)

Von Veronika Schade

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