Ende eines Ungeziefers

„Die Verwandlung“ nach Franz Kafka im Capitol

Offenbach - Franz Kafkas „Verwandlung“ beginnt mit einem der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Von Markus Terharn 

Wie bringt man das auf die Bühne? Eigentlich geht es gar nicht, zumal der Autor vor der Veröffentlichung (1915) bei seinem Verleger darauf bestanden hat: „Das Insekt selbst kann nicht gezeichnet werden. “ Dieses Bilderverbot hat das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel elegant umgangen und mit dem Gastspiel bei der Theateressenz in Offenbachs Capitol einen Volltreffer gelandet. Ein Bühnentext ist es nicht und wird es auch nicht; der Jahrhundertdichter hat halt keine Dramen geschrieben. Er liefert aber Stoff für ein beklemmendes Kammerspiel. Geschickt hat Dramaturg Christian Scholze Berichtpartien und Dialoge auf mehrere Sprecher verteilt, die Regisseur Ralf Ebeling perfekt aufeinander abgestimmt hat.

Dem unglücklichen Gregor geben zwei Darsteller, Bülent Özdil und Thomas Zimmer, Menschengestalt, in graue Dreiteiler gewandet. Der Käfer findet sich in der Miniaturausgabe eines möblierten Zimmers, mit Kamera aufgenommen und auf die Rückwand projiziert. Vor dieser stehen fünf durchscheinende Paravents, hinter denen die anderen Schauspieler meist nur als Schattenrisse wahrnehmbar sind (Ausstattung: Jeremias Vondrlik). Mit Licht (Gerhard Hinze) und Ton (Benjamin Chitralla) ergeben sich grandiose Effekte. So findet sich der Zuschauer praktisch mit dem Protagonisten in einem Raum, klaustrophobisch eng – und nimmt die Außenwelt vorwiegend als Bedrohung wahr. Die Familie tut sich schwer mit der schockierenden Lage. Da ist der Vater, Thomas Tiberius Meikl, verständnislos und furchteinflößend. Dann die Mutter, Vesna Buljevic, die in dem abstoßenden Tier noch am längsten ihren Sohn sieht. Schließlich Schwester Grete, Samira Hempel, die sich anfangs als Einzige um ihren Bruder kümmert, am Ende aber darauf drängt, das Problem zu lösen, das sich indes auf biologische Weise von selbst erledigt. In kleinen Rollen überzeugt Pia Seiferth als keifender Prokurist, als burschikose Bedienerin und dank Hut-Trick als gleich drei Zimmerherren.

Insekten essen wollen bislang nur wenige

Bis dahin hat das Publikum in 80 Minuten atemlos diese Geschichte verfolgt, die so unglaublich ist, wie sie selbstverständlich daherkommt. Und danach vermutlich das getan, was dem Regieassistenten Felix Sommer, der den Einführungsvortrag hält, die Schullektüre verleidet hat, nämlich interpretiert. Verwandlung als Krankheit, als Reaktion auf familiäre Zwänge oder auf gesellschaftlichen Druck? Nach einem kurzen, intensiven Abend scheint jede Deutung möglich ...

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare