Dienst bis zur Geisterstunde

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Die Öffnungszeiten der Stadtwache (Berliner Straße 60) sind wie die Einsatzzeiten der Stadtpolizei bis Mitternacht und auf den Samstag ausgedehnt worden. Stadtpolizisten wie Tanja Hinrichsen und Patrick Patterson (vorne) leisten hier und auf den Straßen Dienst. Hinten: Offenbachs Ordnungsobere.

Offenbach ‐ Bangt der Offenbacher um seinen Sohn, weil niemand die Raser vor der Grundschule bestraft, verlangt er nach schmerzhaften Schwingern mit dem Arm des Gesetzes. Klemmt ihm letzterer im Halteverbot ein Knöllchen unter den Scheibenwischer, würde er ihn am liebsten brechen. Von Marcus Reinsch

Keine andere Offenbacher Institution wird gleichzeitig so leidenschaftlich ersehnt und gefürchtet wie die Stadtpolizei. Die Blaugewandeten aus der Stadtwache sind geliebt und belächelt, geachtet und verflucht, als Freunde und Helfer gelobt und als Wegelagerer und Abzocker geschmäht. Und seit gestern haben sie sogar Zeit für zusätzliche Freund- und Feindschaften. Denn sie sind jetzt nicht mehr nur montags bis freitags von 6 bis 22 Uhr im Einsatz, sondern auch samstags und bis Mitternacht.

Möglich gemacht haben‘s eine Aufstockung der Truppe auf 23 Stadtpolizisten innerhalb der vergangenen zwei Jahre - zwischenzeitlich gab es mal nur neun - und ein Schicht-Modell mit drei Dienstgruppen in einer Vier-Tage-Woche. Heißt: Jeweils zwei Ordnungshüter organisieren in der Wache im Stadthaus (Berliner Straße 60) die Einsätze, während fünf oder sechs Kollegen draußen auf der Straße sind. Dann kommt die Ablösung.

Knöllchenverteilen ist nicht primäre Aufgabe

Ab sofort also Knöllchen bis zur Geisterstunde? Ordnungs-Stadtrat Paul-Gerhardt Weiß antwortet auf solche Fragen mittlerweile, bevor sie gestellt sind. Ebenso wie Ordnungsamtschef Peter Weigand und Abteilungsleiter Jens Teschner versucht er schon lange, das vorherrschende Bild vom strafzettelschreibenden Stadtkassenfüller geradezurücken. Also gleich nochmal: Ja, sagt Weiß, auch die neuen Kollegen dürften Parksünder bestrafen. Aber nein, diese Überwachung des ruhenden Verkehrs sei nun ganz bestimmt „nicht in erster Linie“ Aufgabe der Stadtpolizei, sondern die der acht Leih-Kontrolleure des Verkehrsdienstes.

Es gebe auch so genug „Ordnungswidrigkeiten, die das Zusammenleben belasten“. Und eigentlich auch nach der Aufstockung noch mehr als genug. Da wären die Ruhestörung, der Kneipenärger, das illegale Müllabladen, das Radeln in der Fußgängerzone und auch sonst schlicht alles, mit was der Bürger städtische Satzungen und Verordnungen torpediere. Also beispielsweise auch das Abstellen von Autowracks, das Gassigehen ohne Häufchenbeutel oder Steuermarke und - der Klassiker der Wintersaison - das Nichträumen vereister Bürgersteige. Da könnte die Stadtpolizei nicht so schnell kontrollieren wie ein Nachbar den anderen verpetze, heißt es.

Pflichtenkatalog der Stadtpolizei stetig gewachsen

Allein: Das war‘s noch nicht. Der Pflichtenkatalog der Stadtpolizei ist in den vergangenen Jahren etwa so massiv gewachsen wie der städtische Schuldenstand. Schon der Umstand, dass die Abschiebung von illegalen Ausländern seit vergangenem Jahr nicht mehr vom Polizeipräsidium erledigt werde, sondern von den kommunalen Wächtern, sei ein Riesenposten. Da sind etwa 50 mal im Jahr Durchsuchungen, Festnahmen und Eskorten zum Flughafen zu erledigen, zwecks Identitätsfeststellung aber auch die Begleitung zu diversen Konsulaten in Berlin, falls sich ein Illegaler mal vergesse, wie er heißt und wo er geboren ist.

Mit dem vom Volksmund hartnäckig bewahrten, aber als abwertend empfundenen Begriff des „Hilfspolizisten“ - den nicht nur Offenbach längst ebenso abgelegt hat wie den seit dem Dritten Reich vorbelasteten „Ordnungspolizisten“ - habe das nicht mehr viel zu tun, betont Weigand.

Nur Schusswaffen gibts für die „Stapo“ nicht

Deshalb sei es auch wichtig und richtig, dass Stadtpolizisten heute die gleichen Befugnisse haben wie ihre Kollegen der staatlichen Ordnungsmacht. Wenn auch nicht die gleichen Helfer. Für jeden Offenbacher „Stapo“ gibt es die schuss- und jetzt auch stichsichere Weste, die stichsicheren Handschuhe, ein Multifunktionswerkzeug, den Teleskopschlagstock als Nachfolger des ausrangierten Gummiknüppels, Pfefferspray, Handschellen, Taschenlampe und Funkgerät. Und die Pflicht, für fast jede Aufgabe einen eigenen Lehrgang zu absolvieren. Für manuelle Verkehrsregelung und die Benutzung des Blaulichts, zum Beispiel. Nur Schusswaffen, sagt Weiß, die gebe es nicht, was gut sei. Die würden auch nicht gebraucht. Auch nicht bei „Risikospielen“ auf dem Bieberer Berg, wo die Stadtpolizei die Aufpasser aus dem Polizeipräsidium unterstützt.

Jens Teschner übrigens wünscht dem OFC unbedingt den Aufstieg. „Das wäre gut. Denn da gibt es weniger Mannschaften, und das sind dann auch für uns einige Spiele weniger.“

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