Ein Kleinod für 1500 Euro kalt

Diese Jugendstil-Wohnung ist originalgetreu saniert

Nur das Parkett ist nicht originalgetreu – so lebten wohlhabende Besitzer von Mehrfamilienhäusern ab der vorletzten Jahrhundertwende.
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Nur das Parkett ist nicht originalgetreu – so lebten wohlhabende Besitzer von Mehrfamilienhäusern ab der vorletzten Jahrhundertwende.

Offenbach - Hinter schönen Offenbacher Gründerzeit-Fassaden verbergen sich sicherlich viele schöne Wohnungen. Aber nur wenige vermitteln noch einen stimmigen Eindruck davon, wie kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende in repräsentativen Räumen gelebt wurde. Von Thomas Kirstein 

In der Karlstraße hat Gerhard Witt den Preis einer Doppelhaushälfte in die originalgetreue Restaurierung einer Jugendstilwohnung gesteckt. Gerhard Witt ist 1946 als echter Offenbacher Bub geboren, aufgewachsen ist er im Familienanwesen in der Karlstraße. Seit Jahrzehnten lebt der Mathematiker im Münchner Umland, aber das hört man nicht. Wenn er stolz durch die frisch und detailgetreu restaurierte Jugendstilwohnung im Erdgeschoss führt, klingt das, als sei er nie fortgewesen.

Gerhard Witt ist stolz auf das Ergebnis von drei Jahren Sanierung.

Es ist ein Stück Offenbacher Geschichte, eines hinter den Kulissen der Stadt. Das Haus aus der Zeit nach der vorletzten Jahrhundertwende, als die Industriestadt blühte und über ihre früheren Grenzen hinaus wuchs. Ein Wagnermeister hat das Anwesen zwischen Karl- und Krafftstraße gebaut, wovon noch der geriffelte Bodenbelag in Torbogen und im Hof vor der hinterliegenden Werkstatt zeugt – Pferde sollten nicht ausrutschen. Der Wagner geriet in finanzielle Schwierigkeiten, kurz nach Fertigstellung übernahm Engelbert Kern, Gerhard Witts Großvater mütterlicherseits, das Objekt.

Acht schlichtere und kleinere der neun Wohnungen sind seit jeher vermietet. Die Fünfzimmer-Einheit im Parterre beherbergte bis vor vier Jahren die Eigentümerfamilie: Und steht nun als Kleinod zum Vermieten bereit.

Vor vier Jahren starb Gerhard Witts Mutter. In den Jahrzehnten zuvor haben die Räume kaum nennenswerte Veränderungen gegenüber dem Urzustand aus der Gründerzeit erfahren. Gaslampen wurden durch elektrische ersetzt, eine Gasetagenheizung ergänzte den Kachelofen.

Bilder: Offenbach aus der Vogelperspektive

Für Witt wurde der Teil des Erbes, in dem er Kindheit und Jugend verbrachte, zur besonderen Herausforderung. „Was bringt’s mir, wenn mein Geld auf irgendwelchen Konten rum liegt“, sagt der Pensionär. Aber ein einmaliges Andenken seiner Eltern, das es so wohl nur ganz selten in Offenbach gibt, wollte er bewahren. Also investierte er in die Sanierung eine Summe, die andere heutzutage mindestens für ein Reihenhaus hinblättern müssen: 360.000 Euro.

Das Ergebnis hat der Offenbacher Fotograf Thomas Lemnitzer bereits für das Haus der Stadtgeschichte dokumentiert. Bis es so weit war, vergingen drei Jahre Arbeit.

Im Flur dient der stillgelegte Kachelofen von 1904 nun als Beleuchtungselement.

Möglichst viel sollte im Original erhalten bleiben, lautete der Auftrag von Gerhard Witt an den Hanauer Restaurator Roland Vonderbank. Zwar wich der ursprüngliche Linoleumboden einem Parkett und ist das Bad heutigen Ansprüchen angepasst, ansonsten aber ist das einstige Jugendstil-Flair wiederhergestellt. Hier sieht der Besucher Wandvertäfelungen aus grünem Lederimitat, dort aufgearbeitete Kacheln. „Der Fliesenleger hat nachher ganz schön über seinen verbindlichen Kostenvoranschlag geflucht“, schmunzelt Witt.

Zugekleisterte Beschläge sind freigelegt, alle originalen Hartholzfenster sowie in Bad und Küche der alte Terrazzoboden aufgearbeitet.

Der Jugendstil zeigt sich auch an farbigen Rosetten und Bleiglascheiben.

Der von Zimmer zu Zimmer unterschiedliche Stuck an den 3,40 Meter hohen Decken ist noch der aus dem Baujahr. Restaurator Vonderbank hat Rosetten die früheren Farben wiedergegeben. „Wir haben oben auch die Elektroleitungen über Putz gelassen, um den Umstieg von Gas auf Strom zu zeigen“, erläutert Gerhard Witt und lenkt den Blick auf eine Sichtachse: Die drei straßenseitigen, in Übergangstönen gestrichenen Haupträume trennen bei Bedarf doppelte Schiebetüren mit Lichtöffnungen aus Bleiglasfenstern. Prächtige Buntglas-Blumen finden sich zudem am Übergang zum Wintergarten, der Zugang zum kleinen Hinterhofgärtchen erlaubt.

Dessen Beete sind noch so eingefasst wie 1904. Das soll so bleiben. In den Mietvertrag komme das Verbot, die Beetaufteilung zu verändern, sagt Gerhard Witt. Ansonsten soll die etwa 110 Quadratmeter große Jugendstil-Wohnung Lebensraum und kein Museum sein. Entsprechend Offenbachs Mietspiegel stellt er sich 1500 Euro kalt im Monat vor. Seine künftigen Mieter, gern auch Familie oder Wohngemeinschaft, sollten allerdings welche sein, die all die Jugendstil-Feinheiten zu schätzen wissen.

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