Diese verflixten Fahrräder

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Manchmal ein verzweifeltes Verhältnis zu den zu dicht beieinander stehenden Kellermauern des Stadthauses: Peter Bratz. Fahrradständer zumindest wären hier unten völlig sinnlos, weil jeder Kubikzentimeter Raum gebraucht wird, um alle Fundräder bis zur Versteigerung parken zu können.

Offenbach ‐ Ohne Drängelgitter wird es auch diesmal nicht gehen, da ist sich Peter Bratz sicher. Die Erfahrung hat den Sachgebietsleiter gelehrt, dass sich in Spitzenzeiten bis zu 300 Leute locken lassen, wenn das Ordnungsamt zur Fundsachenversteigerung vor das Stadthaus ruft. Und jetzt ruft es wieder. Von Barbara Hoven

Am 24. April kommen nicht abgeholte Fundstücke unter den Hammer.

Wer volljährig ist, darf mitbieten: 59 Fahrräder, ein rotes Mofa, zehn Handypakete, Regenschirme, Brillen, Uhren- und Schmuckpakete gibt es zu ergattern. Und sechs Glückspakete. „Das sind immer die Renner, weil spezielle Offenbacher genau wissen, dass wir die gut packen“, versichert Bratz. Bis zu 100 Euro bringen die Wundertüten in Kistenform. Drin ist Kleinkram, für den eine Einzelversteigerung nicht lohnt. Mit Gameboys, Kameras, Klamotten hat Brigitte Brosch, „gute Seele des Fundbüros“, die Kisten im Laufe der Jahre bestückt. Momentan lagern die Schätze fein säuberlich beschriftet im Räumchen hinter ihrem Schreibtisch. Und belegen einen Bratzschen Lieblingssatz: „Es gibt nichts, was nicht verloren geht.“

Etwa 1700 Fundstücke nimmt das Ordnungsamt pro Jahr in Empfang, Tendenz stark steigend. Sogar Bargeld wird hin und wieder abgegeben. Und nicht selten Hunde, Katzen, Kleintiere. Um alles, was atmet, kümmert sich der Tierschutzverein. Alles andere füllt die Regale oben in der 13. Etage und den Platz unten im Fundkeller.

Ein halbes Jahr lang muss das Ordnungsamt bunkern

Platz, das ist ein Wort, bei dem Brosch und Bratz nie so richtig wissen, ob sie schicksalsergeben lachen oder weinen sollen. Neben zahllosen Turnbeuteln aus Schulbussen sind es vor allem „diese verflixten Fahrräder“, die Bratz ein verzweifeltes Verhältnis zu den grundsätzlich zu dicht beieinander stehenden Kellermauern einbrocken. „Das werden ständig mehr. Ich weiß gar nicht, wo die alle herkommen und wieso die keiner abholt, obwohl das teils tolle Teile sind.“ Da habe, jetzt zwinkert Bratz, „der Bratz das Fundbüro zu klein geplant“.

Ein halbes Jahr lang muss das Ordnungsamt mindestens bunkern, was die Ehrlichen vorbeibringen. Was vom Eigentümer oder Finder nicht abgeholt wird, kommt in die Versteigerung. Hinter der steckt jede Menge Vorbereitung. Plakatwerbung, Bühnenaufbau, Schlepperei, Kassieren, Buchführung. Ohne helfende Hände von Mitgliedern der städtischen Unternehmensfamilie wäre das kaum machbar. Die Drängelgitter kommen unbürokratisch von der Wohnungsbautochter GBM, samt Anlieferung und Aufbau. Und auch die Sport- und Kulturverwaltung ist mit von der Partie. „Die helfen auch mal, ohne eine Rechnung zu schicken.“ Bratz klingt ehrlich dankbar.

Trotzdem ist die Veranstaltung ein Verlustgeschäft. Der Haushaltentwurf hat aus der Versteigerung 4540 Euro Einnahmen eingeplant. Gemessen am Machbaren ein pessimistischer Wert. Letztes mal kamen 7114 Euro zusammen. Allein: Auch die waren mit dem schönen Traum von der Kostendeckung nicht auf einen Nenner zu bringen.

Sachgebietsleiter hat Spaß an der Sache

Aber pauschal wegschmeißen, das ginge nicht. Die Ware muss „an den Mann gebracht werden“, so will es das Gesetz. Und so will es der Mann. Unbedingt! Es sei vor allem der Spaß, der Jagdtrieb und „dass man es dem Nebenmann nicht gönnt“, was zum Bieten animiere – manchmal weit über den Wert des Begehrten hinaus. Da wird, wie es so schön heißt, gekauft wie gesehen. Gewähr ist nicht, Umtausch ausgeschlossen. Aber „wir bieten nur Räder an, die augenscheinlich in Ordnung sind. Obwohl wir natürlich nicht prüfen“, betont Bratz.

Manches, das bei Brigitte Brosch abgegeben wird, wandert auch in den Müll. Oder auf den Schrott. Peter Bratz und Team haben bei der Wertewürdigung manchmal „große Probleme, denn was für den einen eine Fundsache, ist für andere Abfall.“

Eine Liste der Fundsachen, die am Samstag, 24. April, 10 Uhr, vor dem Stadthaus (Berliner Straße 60) unter den Hammer kommen, findet sich auf der Internetseite der Stadt.

Und dennoch hat der Sachgebietsleiter Spaß an der Sache. Am liebsten würde er selbst den Auktionator geben, wie früher. Weil das wegen der Gesundheit nicht mehr geht, steht seit fünf Jahren Stefan Sommer vom technischen Verkehrsdienst am Pult. Preist an, lockt, scherzt, schäkert und schert sich nicht darum, ob er sich in Zeiten der Internetauktionen vorkommen könnte wie ein Handwerker, der auf einem Mittelaltermarkt mit antiquiertem Gerät Besen bindet. Es macht wohl Freude. Damit die auch den Bietern nicht vergeht, rät Bratz: „Jeder sollte sich eine Grenze setzen.“

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