Großes Interesse beim Tag des Handwerks in Offenbach 

Digitale Informationen ersetzen keine Praktika

Augmented Reality macht es möglich: Tobias Weck zeigt Schülern, wie ein Schweißbrenner eingesetzt wird.
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Augmented Reality macht es möglich: Tobias Weck zeigt Schülern, wie ein Schweißbrenner eingesetzt wird.

Muss ein Bäcker wirklich jede Nacht um 2 Uhr in der Backstube stehen? Welche Noten braucht man, um eine Ausbildung in einem Friseur-Betrieb machen zu können? Und was verdient eine Schreinerin eigentlich im ersten Lehrjahr? Die über 250 Schüler aus Stadt und Kreis Offenbach haben eine Menge Fragen beim Tag des Handwerks. Nachdem im vergangenen Jahr der Infotag coronabedingt ausfallen musste, hat die Kreishandwerkerschaft am Freitag nun erstmals wieder dazu geladen.

Offenbach - „Das vergangene Jahr war schwierig“, sagt Uwe Czupalla, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Unter Pandemiebedingungen die Schüler über Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren und die laufenden Ausbildungen zu betreuen, sei eine große Herausforderung gewesen. Czupalla weist auf einen dicht von Schülern umdrängten Tisch, vier Virtual-Reality-Brillen können dort getestet werden. „Mit den Brillen wird ein Werkstatt-Rundgang nachgestellt“, sagt er. Für 2500 Euro habe man die Brillen angeschafft, um in der Pandemie an Schulen wenigstens etwas von den Ausbildungsbedingungen zeigen zu können.

„Ein Praktikum ersetzt die Brille aber nicht – Digitalisierung ist wichtig, aber das wirkliche Erleben, ob ein Beruf zu einem passt, das kann kein digitales Gerät ersetzen.“ Das Info-Defizit lasse sich auch deutlich in den Ausbildungszahlen ablesen: Knapp zwölf Prozent der Ausbildungsplätze in Stadt und kreis konnten im vergangenen Jahr nicht besetzt werden, sagt Czupalla. Selbst bei Berufen wie Friseur oder Kfz-Mechatroniker, die weit oben auf der Beliebtheitsliste der Ausbildungsberufe rangieren, ließen sich die Pandemie-Auswirkungen nachzeichnen. „Der Kfz-Bereich war zwar trotzdem gefragt, aber auch hier war bemerkbar, dass nicht alle Stellen besetzt werden konnten“, sagt Srecko Miskovic von der Kfz-Innung.

Handwerk in Stadt und Kreis

Der Kreishandwerkerschaft Offenbach gehören zwölf Innungen an: Bäckerei, Elektro, Friseur, Glaser, Bauhandwerk, Kraftfahrzeuggewerbe, Dach-, Wand- und Abdichtungstechnik, Sanitär- und Heizungstechnik, Metall, Raumausstatter/Feintäschner, Schilder- und Lichtreklame und die Schreiner. Rund 30000 Beschäftige und über 3000 Meisterbetriebe in Stadt und Kreis Offenbach sind in den Mitgliedsinnungen organisiert. Um die verschiedenen Ausbildungsberufe vorzustellen, beteiligt sich die Kreishandwerkerschaft an der Kampagne #einfachmachen in den sozialen Medien. Auch Schulen werden nun wieder vermehrt für Infoveranstaltungen aufgesucht. Weitere Informationen zur Kreishandwerkerschaft gibt es im Internet unter www.kh-offenbach.de.

Ein Praktikum sei eben immer noch der klassische Weg, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen – und ein Praktikum lasse sich eben nicht ohne Weiteres ersetzen, betont auch Günther Rösler von der Friseurinnung. Für Berufe, die es ohnehin schwer haben, wie etwa das Bäcker-Handwerk, sei das vergangene Jahr nicht einfach gewesen, sagt Andreas Schmitt von der Bäcker-Innung. „Unser Beruf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert, aber viele wissen das nicht – da sind wir auf den direkten Kontakt angewiesen, um etwa zu erklären, dass Bäcker nicht unbedingt nur Nachtschichten arbeiten.“ Da mit dem Tag des Handwerks dafür wieder Möglichkeiten gegeben sind, gibt es am Stand der Bäcker-Innung entsprechend viele erstaunte Rückmeldungen seitens der Schüler. Dass auch Kostproben verschiedener Brotsorten ausliegen, ist für einen Zwischenstopp zur Nachfrage sicherlich auch ein Anreiz.

Für das neue Ausbildungsjahr haben sich die Bewerber-Zahlen laut Czupalla fast wieder auf dem Niveau vor der Corona-Pandemie normalisiert. „Wir verzeichnen ein Plus von gut zehn Prozent bei der Besetzung der Ausbildungsplätze.“ Auch wenn die virtuellen Formate keine Praktika ersetzen könnten, würden sie als Zusatz zu den konventionellen Info-Angeboten beibehalten.

Von Frank Sommer

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