„Das schüchterne Kind geht einfach unter“

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Fünf Spezialisten für Inklusion: Mario Dobe, Lieselotte Haffke, Susanne Grünleitner, Michael Köditz und Eva Klein sprachen im Ledermuseum über gemeinsames Lernen in Kitas und Schulen.   

Offenbach - Der Grundgedanke klingt gut: Kinder mit und ohne Behinderung gehen gemeinsam in eine Klasse, profitieren von der Anwesenheit des jeweils anderen, lernen somit nicht nur Schulstoff, sondern ganz nebenbei auch Verständnis und Toleranz. Von Veronika Szeherova

In der Praxis aber scheitert die Inklusion – bis auf wenige Ausnahmen.

In Hessen liegt die Quote der Kinder mit besonderem Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen, bei gerade mal 17,3 Prozent. Dabei besteht nach der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 in Deutschland gilt, ein Rechtsanspruch darauf. Doch Behörden, Lehrer und Eltern sind überfordert. Das wurde klar bei der Podiumsdiskussion „Inklusion in Kitas und Schulen“ im Ledermuseum, zu der das Netzwerk Inklusion Offenbach geladen hatte.

Jedes Kind hat ein anderes Problem

Vernachlässigung, Aggressivität, Konzentrationsschwäche – Lehrer an Grund- und weiterführenden Schulen stehen vor der täglichen Herausforderung, Kindern mit den unterschiedlichsten Defiziten gerecht zu werden. „Ich habe 28 Kinder in der Klasse, und jedes hat ein anderes Problem“, sagt Susanne Grünleitner, Lehrerin an der Edith-Stein-Schule. „Ich habe das Gefühl, nicht jedem Kind gerecht werden – das schüchterne Mädchen geht zwangsläufig unter.“ Zwei ihrer Schüler, die besonders verhaltensauffällig waren, bekamen stundenweise einen Erziehungshelfer zugesprochen. Doch das habe nichts genutzt, bedauert die Lehrerin: „Es waren Tür- und Angel-Gespräche, für mehr blieb keine Zeit. Wir brauchen keine drei Leute, die mal eine Stunde da sind, sondern welche, mit denen wir verlässlich über längere Zeit arbeiten können.“ Doch es mangele an Zeit, an Fachkenntnisse und vor allem an Geld.

„In Hessen ist Inklusion eine Sparnummer“, kritisiert eine Schulärztin im Publikum. Oft würden Schulhelfer verweigert, obwohl sie notwendig seien. So sind auch die Eltern ratlos. Förderschule oder Regelschule – was ist besser fürs Kind? „Das ist von Fall zu Fall sehr individuell“, sagt Mario Dobe aus der Berliner Senatsverwaltung. In der Hauptstadt überschritt die Inklusionsquote in diesem Jahr erstmals die 50-Prozent-Marke. Inklusion ist dort seit 1990 im Schulgesetz festgeschrieben. Jede Integrierte Sekundarschule muss Schüler mit Förderbedarf aufnehmen – höchstens vier pro Gruppe. Für Dobe ist es dennoch wichtig, die Wahlfreiheit für beide Schulformen zu erhalten.

Eltern wollen besten Abschluss für ihr Kind

„Auf den Bildungseinrichtungen lastet heute ein enormer Druck durch die Eltern“, so der Experte. Ein hoher Bildungsabschluss sei oft das primäre Ziel, das viele Eltern oft schon im Kita-Alter anvisieren. „Da ist ein großer Wunsch nach Exklusivität und Differenzierung, das erschwert die Inklusion“, weiß Dobe. „Das gegliederte Schulsystem ist exklusiv.“ Inklusion sieht er als Aufgabe, bei der die ganze Gesellschaft gefordert sei – nicht nur Lehrer.

Doch auch denen falle es oft schwer, Heterogenität in einer Lerngruppe anzuerkennen. Der Berliner verweist auf die Empfehlung der Expertenkommission Lehrerbildung, den eigenen Studiengang Sonderpädagogik abzuschaffen und ihn stattdessen als Schwerpunkt bei der allgemeinen Lehrer-Ausbildung einzuführen. „Jeder Lehrer sollte grundlegende Kenntnisse über Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen, Verhaltens- und Sprachstörungen haben.“ Erwünscht sei zudem eine Umgestaltung der Unterrichtsprozesse, weg von der Lehrer-Zentrierung zum Lehrer als Lernbegleiter.

Als Beispiel, wie erfolgreiche Inklusion bereits in der Kita aussieht, verweist Eva Klein, Leiterin der Arbeitsstelle Frühförderung Hessen, auf die Integrative Kindertagesstätte Martin-Luther-Park in Offenbach. „Eine Kita, in der es nicht um Frühchinesisch geht. Es wird gemeinsam eine neue Welt geschaffen“, schwärmt auch Michael Köditz, Berufsschullehrer für angehende Erzieher an der Käthe-Kollwitz-Schule. Er habe schon Einrichtungen erlebt, in denen behinderte Kinder komplett von den anderen separiert wurden.

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