Rabbi Gurewitz stellt sich Diskussion mit Leibnizschülern

„Fragen ist der erste Schritt, um zu verstehen“

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Die Diskriminierung andersgläubiger Menschen in Deutschland war Thema eines Besuchs von Oberbürgermeister Horst Schneider und Rabbi Mendel Gurewitz in der Leibnizschule.

Offenbach - Um für alltägliche Toleranz zu werben und Zivilcourage auch von den jüngsten Offenbachern einzufordern, hatte Oberbürgermeister Horst Schneider gestern einen besonderen Gast in der Leibnizschule dabei. Von Fabian El Cheikh

Der Rabbiner Mendel Gurewitz begleitete den OB bei seiner regelmäßigen Tour durch die Schulen, um sich Fragen von Elf- und Zwölfjährigen, aber auch Schülern der Oberstufe zum jüdischen Alltag in Offenbach zu stellen.

Der in New York geborene Vertreter der jüdischen Gemeinde in Offenbach war im Juni von arabisch-stämmigen Jugendlichen im Einkaufscenter KOMM beschimpft und beleidigt worden. Nicht zum ersten Mal, wie er immer wieder betont. Die Auseinandersetzung auch mit dem Sicherheitspersonal des KOMM hatte öffentlich hohe Wellen geschlagen und das Bild einer toleranten und multikulturellen Stadt beschädigt. Der als antisemitisch bewertete Vorfall – die Jugendlichen hatten sich kurze Zeit nach dem Vorfall bei ihrem Opfer entschuldigt – war auch Diskussionsstoff in Schulklassen.

Vorurteile im Alltag keine Seltenheit

Gestern ließen sich die Gymnasiasten der Leibnizschule, in der inzwischen die Hälfte einen Migrationshintergrund hat, darunter viele muslimischen Glaubens, den Vorfall noch einmal erläutern. Dabei schilderten einige, dass auch sie im Alltag Vorurteilen ausgesetzt seien. Ein junger jüdischer Mann, der ebenfalls einmal als „Judenschwein“ bezeichnet worden sei, meinte: „Es ist schwer, jüdisch zu sein in Deutschland.“ Umgekehrt litten auch Anhänger anderer Glaubensrichtungen unter Alltagsdiskriminierung: „Mir wurde mal im Bus hinterher gerufen: ,Runter mit dem Kopftuch’“, erinnerte sich eine Schülerin.

Gurewitz fragten sie, ob es von Nachteil sei, wenn man jemandem wie ihm die Religionszugehörigkeit ansehe. „Das ist wohl eher situationsbedingt“, antwortete Gurewitz, der sich in Offenbach ein friedliches Zusammenleben wünscht. „Ich wohne gern hier und meine Kinder auch.“ Aber er warnte vor verbreitetem Antisemitismus: „Es gibt Schüler, die Angst haben zuzugeben, dass sie jüdisch sind.“

Einmischen statt wegschauen

Schneider wiederum zeigte sich wie schon in der Vergangenheit besorgt, dass das eigentlich gute Zusammenleben in Offenbach Schaden nimmt: „Wir sind stolz darauf, eine so internationale Stadt zu sein, in der so viele Ethnien und Nationalitäten sich zu Hause fühlen und in der es jenseits der Alltagsprobleme keine Konflikte gibt.“ Daraus lasse sich allerdings, schiebt er nach, nicht ableiten, dass nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ herrsche.

Meist seien es psychologische Situationen und Dynamiken, die erst verursachten, dass sich Gruppen auf Einzelne stürzten. Und weil es nicht auszuschließen sei, dass es zu weiteren nicht tolerierbaren Vorfällen kommt, appellierte Schneider an die Jugendlichen, sich einzumischen. „Schaut nicht einfach weg, schafft Öffentlichkeit, ruft die Polizei zu Hilfe!“ – „Oder einen Erwachsenen“, ergänzte eine Schülerin. Zivilcourage bedeute aber auch, betonten Gurewitz und Schneider, sich zu trauen, Fragen zu stellen. „Fragt eure Mitmenschen: Warum machst du etwas so, wie du es machst, oder warum siehst du so aus? Zu fragen ist der erste Schritt, um zu verstehen.“

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