Kommentar: So nah und doch so fern

Keine Frage, Bildung ist Allgemeingut und Grundlage fürs soziale Miteinander. Und es ist unstrittig: Bildung öffnet Türen. Daher lautet das Ziel: Bildung für alle. Gemeint sind in erster Linie diejenigen, die - warum auch immer - aus dem üblichen Raster, dem traditionellen Bildungssystem fallen. Von Martin Kuhn

Dafür steht das wenig schöne Wort bildungsfern. Es soll beschönigen, dass damit ungebildet im eigentlichen Sinn gemeint ist. Heißt: Die betreffenden Personen verfügen über keinen oder nur einen niederen Schulabschluss. Folglich haben sie keine Kenntnis von Lehrstoffen, ja mitunter mangelt es sogar an der Kernkompetenz schlechthin: dem Lesen. Ein Teufelskreis: Bildungsferne Eltern haben meist bildungsferne Kinder. Daher will die Politik Bildungsnähe schaffen.

Ein kostspieliges Unterfangen, das hoffentlich von Erfolg gekrönt ist - Schlaglöcher hin oder her. In jüngster Zeit stellen bildungsnahe Mandatsträger zwei neue Projekte vor. Das Bildungsprogramm „Fußball ist das Tor zum Lernen“ und den „DeutschSommer“. Einmal sollen junge Menschen in den Arbeitsmarkt integriert (so formulieren es die Macher tatsächlich!), einmal soll noch jüngeren Drittklässlern ein Ausflug in die Grundlagen der deutschen Sprache vermittelt werden. Wie die Experten es machen, hört sich prima an: In einer Jugendherberge gibt es jeweils zwei Stunden Deutschunterricht, zwei Stunden sprachintensives Theaterspiel, zudem Workshops, Spiele, Lektüre.

Rund 100 000 Euro kostet der Offenbacher „DeutschSommer“ in diesem Jahr. Die Eltern zahlen jeweils 45 Euro. Bei 45 Buben und Mädchen macht das in der Summe 2 025 Euro und eine erhebliche Finanzierungslücke, die der Steuerzahler und verschiedene Stiftungen schließen. Halbwegs bildungsnahe Eltern von ebenfalls durchschnittlich bildungsnahen Pennälern werden schlucken. Um die finalen Weichen für Abitur oder Realschulabschluss zu stellen, drücken sie schnell mal 45 Euro für zwei Nachhilfestunden in Physik, Mathe oder Chemie an professionelle, semiprofessionelle oder leider auch unprofessionelle Stellen ab. Das Alarmierende daran: Im Verlauf der Schulzeit nimmt jeder dritte Schüler Nachhilfe in Anspruch; Tendenz weiter steigend.

Hoppla. Was hat man denn da produziert? Etwa eine nahe Bildungsferne? Oder entfernen wir uns von der Bildungsnähe? Darüber sollten sich Bildungspolitiker mal nachdenken. Das wäre echt naheliegend...

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