Dogmenfrei seit 175 Jahren

Eine historische Darstellung im Gemeindehaus zeigt, wie groß der Andrang beim ersten Gottesdienst der Deutsch-katholischen Gemeinde war.

„Dem Ewigen“ steht an der Fassade der Weihehalle der Frei-religiösen Gemeinde am Schillerplatz geschrieben. Vor 175 Jahren, am 9. März 1845 gründeten Offenbacher Bürger deren Vorläufer, die Deutsch-katholische Gemeinde. VON FRANK SOMMER

Zum Jubiläum sehen sich die Frei-religiösen gut aufgestellt.

Offenbach – Das gleichschenklige, von einem Ring umfasste Kreuz erinnert noch an die Wurzeln der Gemeinde: Aus dem Katholizismus heraus ist sie vor 175 Jahren entstanden. Da die Offenbacher Bürger, die sich zum Bruch mit der römisch-katholischen Kirche entschieden, die römische Kirchenobrigkeit ablehnten, nannte man sich konsequenterweise Deutsch-Katholiken.

Noch heute ist die Gemeinde aktiv, allerdings unter einem anderen Namen, als Frei-religiöse Gemeinde. Ansonsten sind die christlichen Wurzeln nur noch in wenigen Bereichen zu erkennen, etwa bei der Amtsbezeichnung „Pfarrer“. 2016 wurde Pascal Schilling zum Pfarrer der Offenbacher Frei-religiösen Gemeinde gewählt.

„Ich muss immer wieder darüber aufklären, dass wir keine christliche Gemeinde, sondern eine rationalistisch geprägte Gemeinschaft sind“, sagt der 30-Jährige. Dogmen oder heilige Schriften kennt die liberale Religionsgemeinschaft nicht. Auch viele Begrifflichkeiten ersetzt, aus der „Taufe“ wurde die „Lebensweihe, nur die Konfirmation ist geblieben. „Bis zur Gründung der DDR hieß die Konfirmation in den Frei-religiösen Gemeinden ‘Jugendweihe’, aber zur Abgrenzung von dieser Vereinnahmung durch die DDR wurde sie wieder rückbenannt“, sagt Schilling.

Ein Schicksal teilt die Gemeinde aber mit dem vieler Religionsgemeinschaften der westlichen Welt, die Mitgliederzahlen sind rückläufig. „Momentan haben wir 1143 Mitglieder, die Prognose ist ähnlich wie bei den christlichen Kirchen“, sagt Schilling. Etwas weniger als die Hälfte der Mitglieder wohne in Offenbach, die übrigen hauptsächlich im Kreis und darüber hinaus. „Wir haben auch Mitglieder in der Schweiz oder Kanada“, sagt Schilling.

Seine Gemeinde sieht der Pfarrer aber für das Jubiläumsjahr und die Zeit darüber hinaus gut aufgestellt: Der Vorstand hat sich verjüngt und erstmals gibt es mit Mahsa Nangeli eine Frau als pfarramtliche Mitarbeiterin. Die Jugendarbeit der Gemeinde ist ausgeprägt, so gibt es hier etwa den ersten queeren Jugendtreff Offenbachs. Dazu wird die dreizügige Kita der Gemeinde in der Erlenbruchstraße aktuell aufgestockt, ab August kommt eine dreizügige Krippe hinzu. „Außerdem wollen wir künftig eine weitere Kita anbieten“, sagt Schilling.

Die Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften der Stadt sei sehr gut, es gebe viele gemeinsame Aktionen. So ist die Frei-religiöse Gemeinde auch regelmäßig Gastgeber der ökumenischen Aktion „Essen und Wärme für Bedürftige“ oder beim „Gebet der Religionen“ vertreten.

Zunächst aber gilt es, das Gemeindejubiläum zu feiern: Am Sonntag, 15. März, erinnert ein Festakt um 11 Uhr an die Gründung, dazu wird eine „Live-Festzeitschrift“ mit Fotos des Festakts noch am gleichen Tag gedruckt. Ein kleines Theaterstück erinnert an Gemeindegründer Joseph Pirazzi, das Streichquartett des Capitol Sinfonie Orchesters bietet einen musikalischen Brückenschlag von 1845 zu 2020 und Reverend Axel Gehrmann referiert über die Geschichte der gemeinde während des Nationalsozialismus – für Gehrmann eine ganz persönliche Angelegenheit, war doch sein Großvater Max Gehrmann damals Pfarrer der Gemeinde. „Er hat bereits ein Buch zu dem Thema verfasst – wie überall ging in dieser Zeit auch durch unsere Gemeinde ein politischer Spalt“, sagt Schilling. Anders als andere Frei-religiöse Gemeinschaften wurde die Offenbacher nicht während der NS-Zeit verboten.

Mit der Arbeit der Gemeinde und dem Frei-religiösen Profil beschäftigt sich auch eine von Sonntag bis 22. März zu sehende Ausstellung am Schillerplatz. Am 18. Mai soll mit einer Freiluft-Weihestunde dann vor dem Ledermuseum an den ersten Gottesdienst an jenem Ort vor 175 Jahren erinnert werden.

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