Dokumentarfilm: „Geboren in Offenbach“

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Frankfurt-Offenbacher Koproduktion: Nazmi Kokollari zwischen den Regisseurinnen Angela Freiberg (links) und Nina Werth. „Geboren in Offenbach“ hat am Samstag Premiere.

Frankfurt/Offenbach - „Ich habe albanisches Blut, aber vom Verhalten her bin ich komplett gedeutscht“, sagt Nazmi Kokollari und rührt den Latte Macchiato um. Die hübsche Offenbacherin mit Kosovo-Wurzeln sitzt auf einer Oma-Couch in einem Café unweit der Zeil. Von Kathrin Rosendorff

Die 25-Jährige schaut in die Gesichter der Frankfurter Regisseurinnen Angela Freiberg und Nina Werth. „Diese Wort-Kreation ‚gedeutscht‘ ist viel mehr auf den Punkt als ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ “, findet Werth. Fünf Jahre lang, von 2008 bis 2012, begleiteten die Filmemacherinnen das Alltagsleben von Nazmi und ihren Schwestern Bege und Nagije. Beim Frankfurter Lichter Filmfest läuft am Samstag die Premiere des Dokumentarfilms „Geboren in Offenbach“ im Metropolis um 20 Uhr. Auch im Hafen 2 soll es eine Vorführung geben. Finanziert hat den Streifen die Hessische Filmförderung mit 40.000 Euro.

„Geboren in Offenbach“ ist eine Fortsetzung. Im ersten Teil „Die Schwestern Kokollari“ (2004) ging es um einen Kosovo-Urlaub. „Das war ein Studienprojekt. Viele Zuschauer wollten wissen, wie die Mädchen hier in Deutschland leben“, so Freiberg. Sie kennt die Schwestern schon lange, weil sie früher Filmprojekte im Offenbacher Jugendzentrum anbot. Jetzt haben sich die Regisseurinnen und Nazmi schon länger nicht mehr gesehen. Also zeigt Nazmi erstmal ein Foto ihres aktuellen Freunds. Ihre Traum-Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin musste sie wegen einer Knieverletzung aufgeben. Nun arbeitet sie als Einzelhandelskauffrau.

Zu Beginn der Dreharbeiten von „Geboren in Offenbach“ sind Bege, Nazmi und Nagije: 21, 20 und 19 Jahre alt. Die zwei älteren der insgesamt fünf Schwestern sind nicht Teil des Films. Die Eltern waren Albaner aus dem Kosovo und kamen in den 1960er-Jahren nach Deutschland. Alle drei Schwestern sind in Offenbach geboren. Ihre Mutter ist zu Beginn des Films schon elf Jahre tot, ihr Vater seit zwei Monaten.

„Familie oder Freund“

In der ersten Szene sitzen die drei Schwestern auf dem Sofa in der elterlichen Wohnung noch zusammen. Nun sitzt Nazmi allein im Café. Nur noch mit der Jüngsten, der verheirateten Nagje, hat sie Kontakt. Aber nur über Facebook. „Für mich heißt Familie Zusammenhalt und man steht hinter einem, egal was passiert. Das war bei uns nicht der Fall. Anfangs hat das schon sehr wehgetan.“ Die Schwestern meiden sie, weil Nazmis Freund kein Albaner ist.

„Ich habe immer gesagt, dass ich den Mann heiraten werde, den ich liebe. Das wird auch für meine Kinder gelten. Die Nationalität ist doch egal, solange er kein Arschloch ist“, sagt Nazmi. Am Anfang des Films ist das für ihre Schwestern auch kein Problem. Da hatte die Älteste, Bege, selbst einen italienischen Freund. Am Ende des Streifens will sie aber nach zahlreichen Enttäuschungen nur noch einen Albaner zum Freund. „Die Werte sind also nicht fest, sondern werden immer wieder neu verhandelt“, so Werth.

„Es gibt viele Internet-Foren, bei denen es genau, um diese Entscheidungs-Problematik geht: Familie oder Freund“, betont Freiberg. Komisch fand Nazmi es nie, dass über ihre Familie eine Dokumentation gedreht wurde. „Nur manchmal war es nervig, wenn ich genuschelt habe, wiederholen zu müssen.“ Auf die Premiere freut sie sich. Ein schniekes Kleid will sie sich aber nicht anziehen. „Ich gehe da ganz normal hin.“ Auch ihre Schwestern wollen kommen.

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