Dolmetscher nicht erforderlich

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Anwälte mit marokkanischen Wurzeln (von links): Fouad El Amin, Ahmed Arriouach und Nourradin El Amin.

Offenbach - In der Großen Marktstraße 4 spielt New York keine Rolle. Auch nicht Tokio oder Berlin. In der Anwaltskanzlei im zweiten Stock hat man sich eigene Weltmetropolen gewählt. Von Katharina Skalli

Im Wartezimmer hängen drei große Uhren, hinter deren poliertem Glas die aktuellen Zeiten in Offenbach, Nador und Istanbul angezeigt werden. Nador ist die Heimatstadt von Ahmed Arriouach und seinen Kollegen Fouad und Nouraddin El Amin. „Das sind die wahren Hauptstädte“, sagt Nouraddin El Amin und lacht. Die Hafenstadt im Norden Marokkos besuchen die drei Juristen regelmäßig, doch Offenbach ist ihr Zuhause. Seit einem Jahr betreiben sie hier ihre Anwaltskanzlei.

„Wir sind offen für jeden“, sagt Nouraddin El Amin. „Unsere Klienten kommen aus der ganzen Welt“, doch tatsächlich ist der Anteil an Marokkaner, die um juristischen Beistand bitten, sehr hoch. In Offenbach sind sie die einzigen Anwälte mit marokkanischen Wurzeln. So weit sie wissen, gibt es in ganz Hessen nur zehn Kollegen. Schon im Studium waren sie Exoten. „Als ich mit einem Freund zu studieren begann, waren wir 600 Studenten“, erinnert sich Ahmed Arriouach. Er und sein Schulfreund waren die einzigen Marokkaner.

Kulturelle Unterschiede verunsichern

Für die Offenbacher mit marokkanischen Wurzeln sind sie ein Segen. Vor allem, weil sie Arabisch und Berberisch sprechen. Aber auch weil ihnen die Mentalität und die Kultur vertraut sind. „Die Leute kommen gezielt in unsere Kanzlei, weil wir ihre Sprache sprechen und sie keinen Dolmetscher mitbringen müssen“, sagt Ahmed Arriouach. Er hat die Erfahrung gemacht, dass mit einem Dolmetscher einige Informationen verloren gehen. Viele der Mandanten bleiben verunsichert zurück. Einige waren vor ihrem ersten Besuch bei den drei jungen Juristen bereits bei deutschen Kollegen. Nicht immer haben sie sich verstanden und unterstützt gefühlt.

Die kulturellen Unterschiede haben sie verunsichert. El Amin und Arriouach hatten schon Fälle, in denen es um arrangierte Ehen oder den Vorwurf der Scheinehe ging. Mit solchen Themen wenden sich die Marokkaner lieber an Menschen, denen die eigene Kultur vertrauter ist. „Wir bringen bestimmte Kenntnisse mit, die es den Mandanten erleichtert, sich zu öffnen“, sagt Ahmed Arriouach. Bei 2500 Offenbachern marokkanischer Herkunft bot sich das Eröffnen ihrer Kanzlei in ihrer Heimatstadt geradezu an. Hinzu kommen Klienten aus Darmstadt, Frankfurt, Hanau und dem Kreis. Der Bedarf ist groß, die jungen Männer haben genug zu tun.

„Die deutsche Sprache hat viele Feinheiten“

Zwei Kolleginnen folgen und komplettieren die Kanzlei. Nouraddin El Amins Ehefrau, Özlem El Amin, die gerade noch ihr Rechtsreferendariat absolviert, stammt aus der Türkei. Wegen ihr hängt die Uhr mit der aktuellen Zeit in Istanbul gegenüber dem Empfangstresen. Somit ist auch sprachlich einiges abgedeckt. Das Team spricht Französisch, Englisch, Berberisch und Arabisch.

Die Arbeit in ihrer Muttersprache fällt Arriouach und El Amin nicht immer leicht. „Die deutsche Sprache hat viele Feinheiten“, sagt Nouraddin El Amin. Den Unterschied zwischen Eigentum und Besitz gebe es im Arabischen beispielsweise nicht. Oft sind sie lange damit beschäftigt, den Ratsuchenden das deutsche Recht zu erklären. Das erfordere viel Geduld.

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