Doppelt bestellt hält kürzer

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Besser Splitt als gar nichts. Man muss in diesen Tagen positiv denken. Negativ brächte zumindest keinen Vorteil - das Salz ist weg, das Eis ist da, und wann es von ersterem Nachschub gibt, ist mehr als ungewiss. Vielleicht morgen. Vielleicht auch gar nicht.

Offenbach ‐ Das Telefon steht nicht mehr still, die Rückrufliste ist lang: Oliver Gaksch kann nicht behaupten, dass es seinem Job in diesen Tagen an Würze fehlt. Nur das Salz, das ist aus. Von Marcus Reinsch

Und eben das teilt der Sprecher des mit dem Winterdienst in Offenbach beauftragten Stadtdienstleisters ESO der durchklingelnden Journaille auch mit, falls sie sich erkundigt. Die Nachschubfrage bleibt dabei ungeklärt. Der ESO, sagt Gaksch, habe schon vor Wochen rund 400 Tonnen Streusalz geordert und zugesagt bekommen.

Angekommen sei von diesen 16 Ladungen „wegen des landesweiten Lieferengpasses“ bisher keine einzige. Selbst von den mittlerweile etwas mysteriösen 130 Tonnen in sechs Lastwagen, die irgendwo im eisigen Verkehrschaos zwischen einem Salzlieferanten bei Magdeburg und dem ESO-Hof am Fuß des Bieberer Bergs verschollen sein sollen, scheint es bisher nicht mal eine telefonische Spur zu geben.

Also Plan B. Der besteht allerdings ausschließlich aus Rollsplitt, der Eis und Schnee bekanntlich nicht schmilzt, sondern nur abstumpft. Doch Splitt gibt‘s seit gestern Mittag wenigstens wieder einen großen Haufen; ein paar Kipplaster kamen durch.

Wie viel Vorsicht auf städtischem Asphalt bis zum Einzug milderer Temperaturen oder dem noch schwerer vorhersagbaren Eintreffen des Salz-Nachschubs geboten sein wird, haben bereits die beiden Weihnachtsfeiertage gezeigt. Da hatte der ESO das Salzstreuen eingestellt, um mit den letzten Krümeln wenigstens noch den Boden für den gestrigen Berufsverkehr bereiten zu können. Eine kluge Entscheidung, wie sich zeigte. Zumal zwar beispielsweise am Sonntag echtes Lenken auf Offenbacher Straßen kaum noch möglich, das Volk aber zumeist vernünftig genug war, es gar nicht erst zu versuchen.

Vorwürfe, dass der ESO mit dem Salz schlecht gehaushaltet habe, kontern Gaksch und Stadtrat Paul-Gerhardt Weiß entschieden. Der Stadtdienstleister habe seinen Vorrat in diesem Jahr sogar verdoppelt gehabt, viele andere Städte hätten schon vor Offenbach auf Splitt umstellen müssen. Noch dazu sei Salzbevorratung auch eine Kostenfrage. Natürlich könne der ESO auch 1000 Tonnen einlagern. Doch wenn dann ein milder Winter komme, klumpe das Salz und werde unbrauchbar. Das wird in diesem Winter sicher nicht passieren. Gaksch: „Wir sind jetzt eben auch an diesem Punkt und müssen das Beste daraus machen.“

Das Beste für die Offenbacher wäre vermutlich, die Sache zuhause auszusitzen. Geht aber natürlich nicht; die meisten Menschen verdienen ihr Geld nunmal nicht im Wohnzimmer und müssen raus. Vor diesem Hintergrund gibt‘s für die offensichtlich umsichtige Fahrweise der Bürger ein Lob von Polizeipressesprecher Josef-Michael Rösch: Seine Kollegen hätten zwar alleine am Sonntag 16 Verkehrsunfälle im Offenbacher Stadtgebiet aufgenommen. Doch die seien zum einen nicht alle der Witterung geschuldet gewesen und zum anderen weder mit Personen- noch hohen Sachschäden verbunden gewesen. „Insgesamt gab es nichts wirklich Dramatisches.“ Röschs Appell für die nächsten Tage: „Man soll einfach auch mal vor die Tür sehen, wenn man weg will. Und all jene, die keine Winterreifen haben oder mehr bekommen, die sollen doch bitte so vernünftig sein und das Auto stehen lassen.“

Sonst drohen Kollisionen - wenn nicht mit dem Blech anderer Leute, so doch mit der Gesetzeslage. Spezielle Winterreifenkontrollen gebe es zwar nicht, sagt Rösch. Doch auch bei allgemeinen Verkehrskontrollen hätten die Beamten einen prüfenden Blick auf die Reifen übrig.

Einen ganz anderen Blick muss die Stadt fürchten, sobald Schnee und Eis verschwunden sind: den auf ihre Straßen. Falls dann überhaupt noch welche da sind. Erfahrungsgemäß setzt jeder Winter den Belägen kräftig zu, weil Wasser in Spalten und Ritzen sickert, sich beim Gefrieren ausdehnt und den Asphalt wegsprengt. Von den Schäden der letzten Frostsaison sind bis heute viele übrig; der auch für die Straßeninstandhaltung zuständige ESO muss also tiefe Krater erwarten.

Aber zumindest darf er diesmal nicht nur notdürftig reparieren. Mit 3,8 Millionen Euro steht im nächsten Jahr eine Rekordsumme für die grundlegende Sanierung der Fahrbahnen zur Verfügung.

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