Der doppelte Vorsitzende

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Hans-Jürgen Herrmann hat an der Hochschule für Gestaltung studiert. Seit 2006 ist der gebürtige Bayreuther Mitglied im Bund Offenbacher Künstler.

Offenbach - Hans-Jürgen Herrmann muss es als Doppelvorsitzender in der kulturellen Szene wissen: „Die Stadt Offenbach ist auch ein Künstler, die hat auch kein Geld.“ Von Thomas Kirstein

Wegen dieser solidarischen Erkenntnis fiele es ihm nie ein, darüber zu klagen, dass es mehr Ermunterung als Zuschuss gibt. Mit Anerkennung muss Offenbach ja nicht geizen. Beide Gemeinschaften, die Herrmann nach außen vertritt, sind Kulturpreisträger der Stadt: die heute fünfköpfige, von ihm mitbegründete Initiative im Hinterhaus der Bleichstraße 14 und der ehrwürdige, 1926 gebildete Bund Offenbacher Künstler, kurz BOK.

Dessen Vorsitz hat Herrmann am 13. März 2013 – am Tag der Papstwahl, wie er anmerkt – von Heide Khatschaturian übernommen. 50 Künstler sind dabei. Es soll keine elitäre, aber eine anspruchsvolle Gemeinschaft sein. Man muss sich bewerben, wer Qualitätskriterien erfüllt, wird aufgenommen. „Die künstlerische Schaffenskraft muss klar rauskommen“, sagt Herrmann. Eine akademische Ausbildung ist nicht Voraussetzung, die meisten Bund-Künstler haben aber eine genossen.

Freizeitkünstler haben beim BOK keine Heimat

Freizeitkünstler haben beim BOK keine Heimat. Profitum wird aber andererseits nicht verlangt. „Die meisten Künstler müssen sich mit was anderem Geld verdienen, um ihre Kunst machen zu können“, weiß Hans-Jürgen Herrmann.

Bei ihm als Fotografen sind die Schnittmengen von Broterwerb und freier Kreativität schon recht groß. Er lebt von Aufträgen aus der Industrie, von grafischen Arbeiten, von Diensten für Agenturen und Verlage. Dabei fließt stets ein, was er als Absolvent des Studiengangs „Visuelle Kommunikation“ an der Hochschule für Gestaltung gelernt hat: „Da ist immer auch eine künstlerische Vorgehensweise, um Probleme zu lösen oder eine gestalterische Umsetzung zu erreichen.“

Zu Kunst wird Fotografie für Hans-Jürgen Herrmann, wenn er sich selbstgestellten Themen widmet. Strukturen und Schatten faszinieren ihn: „Da bleibe ich hängen, daran entwickele ich meine Bilder.“ Die Jagd nach dem schönen Motiv ist nicht sein Antrieb, er lässt sich von Details anregen, von denen er zunächst nicht weiß, wohin sie ihn führen. „Erst beim Bearbeiten am Computer stellt sich raus, was mich berührt hat“, sagt er. Dann vervielfältigen sich unscheinbare Elemente zu viel mehr als nur der Summe einzelner Teile, entstehen Multisequenzen und in der Vergrößerung seine „Botanischen Welten“.

Einrichtung des „Superladens“

Geboren ist Hans-Jürgen Herrmann 1958 in Bayreuth. 1981 kam er an die HfG, wo er 1990 das Designer-Diplom erwarb. Seit 1991 hat er sein Studio in der Bleichstraße 14H, im gleichen Jahr gründete sich dort die Ateliergemeinschaft der dort tätigen freien Künstler, die inzwischen besonders wegen ihrer regelmäßigen Theaterproduktionen in der Öffentlichkeit registriert wird. Herrmann wohnt mit Frau und 16-jähriger Tochter in Frankfurt: „Weil’s da Ende der 80er unsere schöne und bezahlbare Wohnung gab...“

2006 durfte sich der Fotograf dem Bund Offenbacher Künstler anschließen. Mitzuerleben, wie die Künstler bei der Einrichtung des „Superladens“ (eine temporäre Verkaufsausstellung in der City-Passage am Ende eines Jahres) zusammenarbeiteten, hatte ihn beeindruckt. Jetzt ist er der Vorsitzende und bestätigt seinen ersten Eindruck: „Das ist ein angenehmer Haufen von Individualisten, hochgradig solidarisch, es gibt keinen Neid, keine Kämpfe.“ Wie im echten Leben halt, sagt Herrmann, man ist nicht mit jedem lieb’ Freund, aber man akzeptiert sich. Neue Projekte belegen das Zusammenwirken. Es wird nicht mehr nur gemeinsam ausgestellt, sondern gemeinsam von mehreren Künstlern an einem Projekt gearbeitet.

Von außen wirkt der BOK bisweilen recht abgeschlossen. Was aber gar nicht in seinem Sinne ist, wie der Vorsitzende betont: „Mehr neue Mitglieder, die den Qualitätsansprüchen genügen, wären wünschenswert.“

Spitze eines Traditionsvereins

Hans-Jürgen Herrmann sieht sich an der Spitze eines Traditionsvereins mit allen seinen Stärken und Schwächen. Die Mitgliederstruktur ist eher eine von fortgeschrittenerem Alter. Die Jugendlichkeit einer Hochschule für Gestaltung wirkt sich nicht mehr wie früher aus. „In den BOK treibt’s niemand, der sein Studium explizit künstlerisch ausgerichtet hat“, muss Herrmann zur Kenntnis nehmen. Die aufstrebenden Kunst-Kreativen orientieren sich nach seiner Beobachtung nach Frankfurt oder Berlin, lernen hier und ziehen wieder weg: „Die HfG ist eher so was wie ein Durchlauferhitzer.“

Dennoch muss der Bund nicht im eigenen Saft schmoren. Hans-Jürgen Herrmann will den regionalen Aspekt stärker betonen. Unter anderem soll das die nicht nur beiläufige Kooperation mit dem vergleichsweise jungen Frankfurter Kunstverein Eulengasse bewirken. Das gemeinsame Kind hat schon einen Namen: „13/16“ nach den Hausnummern der jeweiligen Galerien. Der in Offenbach wie Frankfurt heimische BOK- und Bleichstraßen-Vorsitzende formuliert seine Perspektive: „Es ist wichtiger, Rhein-Main zu betonen, als die Grenze zu ziehen.“

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