Noch viele freie Plätze

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Nicht wie ein Heim, sondern wie ein Hotel wirkt das neue Seniorenzentrum – die Sportresidenz an der Helene-Mayer-Straße.

Offenbach - Wenn das Betriebsklima auf dem letzten Loch pfeift, die Leute morgens mit flauem Gefühl durchs Firmentor schleichen und auf Fluren und in den Büros keiner lacht, gilt oft genug der Chef als verantwortlich für die Stimmung. Von Stefan Mangold

Doch André Werner muss ein beliebter Chef sein. Das Klima, das der Leiter des neuen Seniorenzentrums des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Helene-Mayer-Straße verbreitet, muss alles andere als schlecht sein. Denn an seiner alten Wirkungsstätte wollten ihn zehn Mitarbeiter so dezidiert als Chef behalten, „dass wir mit ihm nach Offenbach gingen“, erzählt Gabriela Ey vom Sozialdienst des Zentrums.

André Werner bringt tatsächlich mit feinem, situativem Humor die Leute in seiner Umgebung zum Lachen. Am 26. September zog der erste Bewohner ins Seniorenzentrum ein. Dorthin, wo einst die Spieler des Offenbacher Tennisclubs Topspins schlugen. Durch den rapiden Mitgliederschwund nach dem Ende des Tennisbooms musste der Verein einen Teil seines Geländes verkaufen und einige Plätze opfern, um Schulden zu begleichen.

96 Einzel- und 14 Doppelzimmer

Nun ist das DRK Mieter und Betreiber der neuen Sportresidenz gegenüber dem Bahndamm. Eigentümer ist eine Immobilienfirma aus Aschaffenburg. Insgesamt sind 96 Einzel- und 14 Doppelzimmer entstanden. Die meisten stehen noch leer. Was nicht an der fehlenden Nachfrage liege, erklärt André Werner, „sondern daran, dass wir aus organisatorischen Gründen nicht mehr als einen Bewohner am Tag aufnehmen wollen“.

Wenn kein Notfall passiert. So wie den Tag zuvor, als ein aus dem Krankenhaus entlassender älterer Patient von einer auf die andere Stunde eine neue Unterkunft brauchte. Der zuständige Pflegedienst hatte entsetzt gemeldet, „der Mann dürfe auf keinen Fall sich selbst überlassen bleiben“. Mit ihm sind es im Moment 14 Bewohner und 30 Angestellte. Wenn alle Zimmer belegt sind, sollen es 80 Mitarbeiter sein. Für diese Zeit plant der Leiter, je acht Lehrlinge im Haus zu Altenpflegern auszubilden. Noch sind es drei.

André Werner ist gelernter Krankenpfleger. Nach der Ausbildung studierte er Betriebswirtschaft. Ein X für ein U kann man ihm wohl schwer vormachen. Oft wunderten sich Angehörige, wenn er ihnen beim Lesen des Medikamentenzettels die Krankheitsbilder aufsagte. Von einem Verwaltungschef erwartet das niemand. Vor acht Jahren leitete er zum ersten Mal ein Altenheim, mit 26 Jahren, „als Jüngster in Bayern“.

Interesse am Thema Pflege hat sich gewandelt

Für vergangenen Samstag hatte das DRK zum Tag der offenen Tür eingeladen. Angehörige und Interessenten konnten sich auf geführten Rundgängen umsehen. Sicherlich zögen die meisten hier ein, „weil es zu Hause nicht mehr geht“, weiß Gabriela Ey. Bei vielen habe das Empfinden der Einsamkeit die letzten Jahre bestimmt, „bei uns haben sie ständig Ansprechpartner“. So berichtet André Werner von einer Gruppe von Damen, die sich schnell angefreundet hätten, sich rege über die Tennishelden der 80er Jahre austauschten, über Ivan Lendl und Stefan Edberg. In den nächsten Monaten werde ein Bus angeschafft, „dann organisieren wir Ausflüge“.

Das Interesse am Thema Pflege habe sich gewandelt. Früher sei das Auto wichtiger gewesen, „den Ölwechsel musste der Meister vornehmen“. Für manche Angehörige hätten die Parameter „trocken, sauber, satt“ in einem Altenheim gereicht. Mit den muffigen Heimen von damals hat das hotelartig wirkende Seniorenzentrum nichts mehr gemein. Jeden Freitag kommt ein Friseur vorbei. Auch Zahn- oder Augenärzte halten Sprechstunden ab. Das öffentliche Café steht allen offen. „Wir wollen uns der Nachbarschaft öffnen“, betont Ey. Die zeigt sich am Samstag überrascht, wie viele Besucher kommen. Die Terrasse vor dem Café ist voll besetzt.

Auf drei Ebenen spielt sich das Leben ab. Auch im Keller, doch „wir sprechen vom Untergeschoss“, so Gabriela Ey. Mit „Keller“ verbänden die meisten Bewohner Luftschutz und Krieg.

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