Drolliger Nachtschatten

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Helmut Mack verkauft seit über vier Jahrzehnten Kartoffeln. Sieben Sorten hat er derzeit im Angebot, darunter auch das Bamberger Hörnchen, das 2008 als „Kartoffel des Jahres“ geadelt wurde. Das Kilo kostet 2,40 Euro.

Offenbach ‐ Klingt paradox, ist aber gestern auf dem Wochenmarkt öfters zu vernehmen: Weil sie schwerer als sonst zu haben ist, ist die Kartoffel in aller Munde. Von Barbara Hoven

„Nee, heute kauf’ ich keine, der Kartoffel-Jäger ist doch diese Woche im Urlaub“, sagt Liesel Hartleb. „30 Jahre lang habe ich den Kartoffelsalat für unsere Metzgerei selbst gemacht, und immer hab’ ich von ihnen die beste Ware bekommen.“ Aha, eine Glaubensfrage also. Ihre Offenbacher Metzgerei sei inzwischen längst zu, erzählt sie weiter, den Salat müsse sie aber noch immer machen: „Die Enkelin wünscht es sich.“ Also hat Hartleb es gemacht wie manch anderer, hat in der vergangenen Woche auf Vorrat gekauft. Man kennt sich eben auf dem Wochenmarkt, tauscht zwischen Rezepten und Tipps zur idealen Garzeit auch mal Urlaubspläne aus. „Letzte Woche haben die Leute sich säckeweise mit Kartoffeln eingedeckt“, ist an der Wurstbude zu erfahren. „Da war bei Kartoffel-Jäger so viel los, dass die schon gescherzt haben, sie machten künftig alle paar Wochen Urlaub – für den Umsatz.“

Entgegen der Meinung der Jäger-Jünger gibt’s auf dem Wochenmarkt dann aber doch Kartoffeln – oder für Lateiner Solanum tuberosum, übersetzt etwa „knolliger Nachtschatten“. Alles andere wäre ja auch ein Wunder in einem Land, in dem jeder im Schnitt pro Jahr 70 Kilo der Knollen isst – mal als Brei, mal als Stäbchen oder Chip, gekocht oder gepellt. „Nur roh sollte man sie auf keinen Fall essen“, rät eine Seniorin. „Das gibt Magenbeschwerden und Durchfall, wegen der Alkaloide in der Schale.“ 5000 Sorten Kartoffeln gibt es, mal mehlig, mal festkochend. Sogar eine Trüffel-Variante in Violett sei auf dem Offenbacher Wochenmarkt zu entdecken – „aber nur bei Kartoffel-Jäger“, kommt die Stammkundschaft zurück auf den so vermissten Marktstand.

Die moderne Hausfrau schlägt die Kartoffel nicht

An einem anderen, jetzt der von Günter Buxmann, findet sich eine rot-leuchtende Variante namens Laura. Die ist leicht mehlig, innen „sehr gelbfleischig“ und besonders gut geeignet für Ofenkartoffeln, erklärt Verkäufer Thorsten Wildhagen. Sieben weitere Sorten hat er im Angebot, zwei davon sind spezielle Salatkartoffeln. Alle stammen aus eigenem Anbau in der Wetterau. „Die moderne Hausfrau schält die Kartoffel ja nicht mehr sondern wirft sie einfach in den Kochtopf wegen der Vitamine, die in der Schale sitzen“, weiß Wildhagen.

Von einer anderen Veränderung für viele Kartoffel-Köche weiß Helmut Mack zu berichten. „Am besten sollte man Kartoffeln wie früher im Kartoffelkeller lagern, möglichst kühl und dunkel, aber so was hat ja heute keiner mehr“, sagt er zwischen zwei Kunden. Die drängeln sich vor „Mack Kartoffel“, dem zweiten großen Knollen-Kenner auf dem Markt. Für Gespräche bleibt da kaum Zeit.

Aber na gut, fürs Foto zeigt Mack noch schnell eine besondere Sorte: Das Bamberger Hörnchen, 2008 als „Kartoffel des Jahres“ geadelt. Die nächste Kundin hört’s, kauft schnell die letzten Knollen. Von einer Kartoffelknappheit, da sind wir zuversichtlich, ist der Wochenmarkt weit entfernt...

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