Die dummen Ehrlichen

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Sind Offenbachs Hipos und Politessen schärfer als die anderer Städte? Eine telefonische Umfrage des „ZEITmagazins“ jedenfalls kann dafür keine fundierten Belege liefern.

Offenbach ‐ Offenbachs Hilfspolizisten, die mit der Jagd auf Falschparker betraut sind, fallen kaum durch Nachsicht oder besonderes Fingerspitzengefühl auf. Den Verdacht, Kontrollen dienten weniger ordnenden denn finanziellen Effekten, nährt der Umstand, dass die Stadt einen privaten Sicherheitsdienst für die Aufsicht über den ruhenden Verkehr bezahlt. Von Thomas Kirstein

Da liegt - auch angesichts so mancher Strafzettel-Orgie bei Kickers-Spielen - der Gedanke nahe, dass die bitterarme Stadt die Kosten wieder reingeholt haben will. So dürfte auch am Main den Sensationsmeldungen von der „Knöllchen-Hauptstadt Offenbach“ Beifall geklatscht worden sein.

Schlechten Ruf nicht auf sich sitzen lassen

Doch bei allen begründeten Vorbehalten und bei aller berechtigten lokalen Kritik an einem gewissen Maß Abzockerei: Den neuen schlechten Ruf muss Offenbach nicht auf sich sitzen lassen - besonders nicht, wenn die Grundlage dafür auf sehr wackeligen Füßen steht.

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Stadtsprecher Matthias Müller versucht nun, das Unheil wiedergutzumachen, das er möglicherweise dank allzu naiver Offenheit selbst angerichtet hat. „Die Ehrlichen sind die Dummen“, sagt er: Vom „ZEITmagazin“ angerufen, habe er seinerzeit  die vorliegende Anzahl an Verwarnungen ungeschönt weitergegeben. Diese wurde dann in Relation zur Zahl der angemeldeten Autos gesetzt. Offenbach fing sich die mit Abstand drastischste Quote ein: 127 Knollen je hundert Kfz. Mit 110 folgt Köln, Frankfurt kommt auf 96.

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Seine Kollegen in anderen Städten, so vermutet er vorsichtig, könnten auf „designte Daten“ zurückgegriffen haben - etwa die Bagatell-Knollen für vergessene Parkscheiben beiseite gelassen haben.

Müller ließ seiner Ahnung die Recherche in den Haushaltsplänen vergleichbarer Städte folgen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass etwas nicht stimmen kann: „Auffällig ist, dass Städte vergleichbarer Einwohnerzahl und mit einer ähnlichen Kfz-Dichte mehr Geld als die Stadt Offenbach an Bußgeldern einnehmen. Manche dieser Städte verteilen laut ZEIT aber besonders wenige Knöllchen.

Der Offenbacher Pressesprecher macht eine andere Rechnung auf, indem er die Einnahmen aus Verwarnungen in Relation zur Einwohnerzahl setzt. Und da sieht es für Offenbach (117.000 Einwohner) mit seinen 19 Euro pro Kopf nicht mehr ganz so übel aus: Reutlingen (112.000) kommt auf 22, Heilbronn (119.000) auf 24, Koblenz (106.000) wie Mannheim (327.000) auf 25 und Pforzheim (119.000) gar auf 30 Euro. Diese Werte sind freilich ebenso wenig aussagekräftig wie die mittels der Bezugsgröße Kfz-Anmeldung ermittelten.

Viel mehr Autos als ausgewiesen

Für eine seriöse Untersuchung einer Knöllchen-Dichte wären laut Müller spezielle Situationen zu berücksichtigen gewesen: Offenbach zählt täglich 32.000 Einpendler; hinzu kommen 8.000 Menschen, die hier nur einen Zweitwohnsitz haben, sowie ungezählte Personen meist aus Nordhessen oder neuen Bundesländern, die nur unter der Woche in Offenbach zur Untermiete wohnen. Das bedeutet viel mehr Autos als die statistisch ausgewiesenen 55.000 - und mithin deutlich mehr potentielle Opfer der städtischen Falschparkerjäger.

Mit der ZEIT hadert Matthias Müller, weil sie auf eine „Plausibilitätskontrolle“ verzichtete. Mit anderen Medien auch - unsere Zeitung nimmt er ausdrücklich aus -, weil sie direkt übernahmen, wie die Deutsche Presseagentur einen eher augenzwinkernden Magazinbeitrag auf angeblich harte Fakten reduzierte. So steht denn Offenbach wieder mal bundesweit saudumm da. Gestern war die Knöllchen-Hochburg zwangsläufig Ziel für etliche TV-Teams, die Jagd auf Hilfspolizisten machten, wenn die sich nicht von den Kameras einfangen lassen wollten.

Linke stellt Anfrage an Magistrat

Dank der Fraktion der Linken wird die Angelegenheit auch zum Politikum. Schnell hat der Stadtverordnete Dr. Wolfgang Christian eine Anfrage an den Magistrat formuliert. Der soll unter anderem beantworten, ob er außer Zulassungsdichte und Parkplatznot weitere Ursachen für die ungewöhnlich hohe Rate erkenne und ob er wegen des imageschädlichen Sachverhalts eine Veränderung der bestehenden Kontroll-Praxis beabsichtige.

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