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Durch B 448-Verlängerung weitere Belastungen befürchtet

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Von: Matthias Dahmer

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Radtour durch bedrohte Natur: Marina Koll (rechts), Waltraud Arnold und Calogero Oliveri, die am Schneckenberg wohnen, sorgen sich um den alten Baumbestand in dem Wäldchen unterhalb der ehemaligen Mülldeponie Grix. -  Foto: Dahmer
Radtour durch bedrohte Natur: Marina Koll (rechts), Waltraud Arnold und Calogero Oliveri, die am Schneckenberg wohnen, sorgen sich um den alten Baumbestand in dem Wäldchen unterhalb der ehemaligen Mülldeponie Grix. © Dahmer

Offenbach - Die Verlängerung der Bundesstraße 448 von ihrem derzeitigen Ende am Kickers-Stadion hin zur Mühlheimer Straße ist eines der Schlüsselprojekte des Masterplans. Noch steckt das Vorhaben in den Anfängen. Es läuft eine Machbarkeitsstudie, die ausloten soll, welche Trassenführung die beste ist. Doch schon jetzt fürchten Anwohner um ihre Lebensqualität – und um wertvolles Grün.  Von Matthias Dahmer

Das helle Licht der Maisonne bricht sich zwischen den alten Bäumen, die Schnaken sind lästig, der Wald ist dichter als an vielen anderen Stellen in der Stadt. Und Marina Koll versteht die Welt nicht mehr: „Das soll alles einer neuen Straße geopfert werden“, deutet sie auf die großen Eichen und Buchen, die das Waldstück unterhalb der einstigen Mülldeponie Grix prägen.

Zusammen mit Waltraud Arnold und Calogero Oliveri, die ebenso wie Marina Koll in dem Sträßchen Am Schneckenberg im Offenbacher Osten wohnen, geht es auf eine kurze Radtour durch das Landschaftsschutzgebiet entlang des möglichen Trassenverlaufs für die geplante etwa 900 Meter lange Verbindung. Gemäß dem Masterplan soll sie die Gewerbegebiete an der Mühlheimer Straße direkt an die B 448 anbinden und zugleich die Wohngebiete entlang von Bieberer- und Unterer Grenzstraße vom Verkehr entlasten.

Zur Reptilien-Kartierung im Zuge der Machbarkeitsstudie wurden am Schneckenberg Dutzende gewellter Kunststoff-Platten als künstlicher Verstecke für die Tiere ausgelegt. -  Foto: Dahmer
Zur Reptilien-Kartierung im Zuge der Machbarkeitsstudie wurden am Schneckenberg Dutzende gewellter Kunststoff-Platten als künstlicher Verstecke für die Tiere ausgelegt © Dahmer

Wird die zweispurige Verbindungsstraße tatsächlich gebaut, würde sich die Lage für die sieben Hauseigentümer am Schneckenberg noch einmal verschärfen. Schon jetzt eingeklemmt zwischen S-Bahn und Fernverkehrsstrecke der Bahn sowie mit den Gewerbegebieten am Lämmerspieler Weg als Nachbarn würde die B448-Verlängerung sie weiter isolieren. „Wir werden zur Verkehrsinsel, wir wären eingesperrt“, sagt Waltraud Arnold, deren Großeltern 1936 das Häuschen am Schneckenberg erbaut haben.

Zur Angst um den weiteren Wertverlust ihrer Immobilien, die jahrzehntelang den angrenzenden und mittlerweile abgerissenen sozialen Brennpunkt am Lämmerspieler Weg verkraften mussten, kommt der Ärger über den möglichen Schaden an der Natur. Blindschleichen, Kröten, Schmetterlinge, Specht, Storch, Bussard, Wanderfalke – mühelos können Koll, Arnold und Oliveri aufzählen, welche Fauna in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft heimisch ist. „Wenn die Anbindung an die Laskabrücke kommt, würde das alles verschwinden“, befürchtet Calogero Oliveri. Zugleich weist er darauf hin, dass seinerzeit bei den Vorplanungen zum Neubaugebiet An den Eichen der dort vorkommende Neuntöter an den Schneckenberg umgesiedelt wurde.

Unklar ist zudem, was bei entsprechendem Trassenverlauf mit den Gebäuden direkt am Schneckenberg, darunter das Domizil des Offenbacher Verwaltungs- und Organisationsvereins (OVO), passiert.

Wir pausieren am Stummel der B448, und Marina Koll fragt sich, warum eine Verlängerung der Bundesstraße nicht auf der bestehenden Verbindung zum Neubaugebiet An den Eichen angedacht wird. Dort gebe es schließlich mit der Bahnbrücke Ulmenstraße eine intakte Überführung über die Bahn hin zur Mühlheimer, die nicht wie die Laskabrücke instandgesetzt werden müsse. „Aber dort wohnen ja der Oberbürgermeister und der Stadtkämmerer“, beantwortet Marina Koll sich ihre Frage selbst.

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Der genaue Verlauf der neuen Trasse steht noch nicht fest. Sie soll die Gewerbegebiete an der Mühlheimer Straße via Laskabrücke direkt mit der B448 verbinden. © Maps4News (Karte)

Bei der Stadtverwaltung mag man die Befürchtungen der Anwohner nicht teilen. Sprecherin Kerstin Holzheimer verweist darauf, es sei noch nichts entschieden. Noch bis mindestens Ende des Jahres laufe als Teil der 250.000 Euro teuren Machbarkeitsstudie die artenschutzrechtliche Kartierung. Mit Ergebnissen sei im Sommer 2019 zu rechnen. Begleitend dazu werde es Info-Veranstaltungen geben. Die Ergebnisse der Studie mündeten dann in einen Parlamentsbeschluss, auf dessen Grundlage das Planfeststellungsverfahren in Gang gesetzt werde.

Von den Ergebnissen der Studie hängt es also ab, ob und gegebenenfalls wie die Verlängerung gebaut wird. Laut Holzheimer werden dabei alle Varianten einer Anbindung an die Mülheimer geprüft. Auch eine Trassenführung entlang des Neubaugebiets An den Eichen wäre demnach eine Option. Dem steht indes der Wortlaut des Parlamentsbeschlusses zur Machbarkeitsstudie vom September 2016 entgegen. Darin heißt es ausdrücklich: „Der Magistrat wird beauftragt, eine Machbarkeitsstudie (...) für die Realisierung einer direkten Anbindung der B448 über die Laskabrücke an die Mühlheimer Straße in Auftrag zu geben.“

Sichtbarste Zeichen der im April gestarteten Studie sind derzeit Dutzende gewellter Kunststoff-Platten. Sie wurden im Auftrag der Stadt von der Frankfurter Planungsgruppe Natur & Umwelt entlang der möglichen Trasse ausgelegt und dienen der Reptilien-Kartierung. Die künstlichen Verstecke für Eidechse und Co werden in regelmäßigen Abständen kontrolliert, ihr Inhalt entscheidet schließlich mit darüber, ob und wie die Verlängerung kommt.

So lange, bis die ersten Ergebnisse vorliegen, will auch der Naturschutzbund-Kreisverband stillhalten. „Wir sehen das Vorhaben sehr kritisch. Ohne Zweifel gib es im fraglichen Gebiet eine große Artenvielfalt. Aber wir wollen nicht voreilig sein und warten ab, bis die die Machbarkeitsstudie auf dem Tisch liegt“, sagt NABU-Kreischef Thorwald Ritter. Besonders interessant werde es, wenn in dem Gebiet Tiere entdeckt würden, die nach EU-Recht zu den streng geschützten Arten zählten.

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