Ehrenplatz für Pionier

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Kai Linke wandelt unbeirrt auf dem Grat zwischen Produktgestaltung und Kunst. Der 30-Jährige hat Anfang des Jahres den vom Rotary-Club Offenbach ausgelobten Wettbewerb für eine Senefelder-Skulptur im Büsingpark gewonnen. Nun wurde sie offiziell enthüllt.

Offenbach ‐ Es gibt Schmalzbrote, heißen Apfelwein und lobende Worte. Eine Skulptur erinnert im Büsingpark nun an Alois Senefelder, den Erfinder der Lithografie. Von Offenbach aus verbreitete sich das Druckverfahren in die Welt. Von Martin Kuhn

Der Oberbürgermeister ist ums Wohl seines obersten Chefs besorgt: „Lieber Herr Lehmann, holen Sie sich doch einen Mantel“, rät Horst Schneider. Im Rathaus-Foyer versammeln sich am Samstagmorgen gut hundert Mandatsträger, Politiker und Bürger zur kleinen Feierstunde. Der eigentliche Festakt ist ein paar Meter weiter im Büsingpark anberaumt. Dort ist bei Schnee und Minusgraden warme Kleidung ratsam – auch wenn der erste Bürger der Stadt aus Kindertagen mit winterlichen Temperaturen vertraut ist. Er ist im niederbayerischen Passau ausgewachsen.

Bilder vom Festakt

Skulptur erinnert an Alois Senefelder

In den vergangenen Tagen verfolgten Fußgänger und Berufspendler an der Berliner Straße, wie die neue Skulptur entstand: ein hohes Denkmal, aufgeschichtet aus steinernen Druckplatten. Es erinnert an den Erfinder Alois Senefelder, der die Lithografie in Offenbach entwickelt und mit dem ortsansässigen Musikverleger Johann Anton André vor gut 200 Jahren als revolutionäre Drucktechnik international eingeführt hat. Der Platz für die Skulptur ist mit Bedacht gewählt: Dort wirkten Senefelder und André, dort stießen Arbeiter während des S-Bahn-Baus im Offenbacher Untergrund auf Dutzende Lithografiesteine. Die lagern sicher lediglich ein paar Schritte entfernt – im Archiv des Musikhauses und im Haus der Stadtgeschichte.

Bei frostigen Temperaturen übergibt Ulrich Stenger, Präsident des Rotary Clubs Offenbach, das „Relief der Lithografiesteine“ des Künstlers Kai Linke an die Bürger der Stadt. „Wir wollen mit dem neuen Kunstwerk die Erinnerung daran wachhalten, wie stark Offenbach an der Entwicklung moderner Drucktechnik beteiligt war und ist.“ Vielleicht noch wichtiger: Mit Linkes Werk wird lokale Geschichte anschaulich gemacht.

Am Anfang stand ein Kunstwettbewerb

Gleichzeitig wird der Skulpturenweg im Park um eine weitere künstlerische Arbeit bereichert. „Wir haben vor 30 Jahren mit dem Folded Square D, der großen D-Plastik von Fletcher Benton, eine Achse gebildet vom Skulpturenweg hin zum Klingspormuseum. Heute schlagen wir die Brücke vom ,Relief der Lithosteine’ zum Haus für Stadtgeschichte. Beides, Typografie und farbiger Bilddruck, sind mit Offenbachs Historie eng verbunden,“ sagt Martin Lange, der das Skulpturenprojekt im Rotary Club Offenbach angeregt und organisiert hat. Lange träumt weiter von einem Senefelder Museum Offenbach, auch wenn er die „Senefelder-Stube“ im lokalen Stadtmuseum lobt. Dem Ansinnen widerspricht Horst Schneider nicht, verweist jedoch auf den Offenbacher Weg: „Wir drehen langsam, aber beharrlich an den jeweiligen Stellschrauben.“

Am Anfang stand ein vom Rotary Club finanzierter Kunstwettbewerb an der Hochschule für Gestaltung. Der erste Preisträger Kai Linke erhielt anschließend die Möglichkeit, seinen Entwurf umzusetzen. An den Kosten für die Errichtung der aufwendigen Plastik beteiligten sich neben dem Rotary Club Offenbach, der Stadt, der Internationalen Senefelder-Stiftung und der Kloppenburg- Stiftung zwölf weitere Unternehmen, Kanzleien und Privatpersonen. „Ohne das Engagement so vieler Förderer hätte unser Projekt nicht verwirklicht werden können. Deshalb danke ich insbesondere den Offenbacher Unternehmern und Bürgern für die Unterstützung,“ so Rotary-Präsident Ulrich Stenger. Und dann richtet er sich mit deutlichen Worten an die vertretenen Lokalpolitiker: „Die Bürger dieser Stadt sind bereit, sich zu engagieren. Es gilt aber, dieses zarte Pflänzchen zu pflegen, wenn es beständig wachsen soll.“

Zum Kunstwerk selbst: Kai Linke nahm sich für das Senefelderdenkmal die Lithografie-Archive zum Vorbild, die die empfindlichen Kalkplatten in Hochlastregalen lagern. Damit das Denkmal witterungsbeständig ist, produzierte er 180 Lithosteine aus Beton und setzte sie, allerdings ohne Regalböden, zu einer drei Meter hohen und zwei Meter langen Wand zusammen. Sein Denkmal gibt einen Eindruck von den mächtigen Lithosteinen. Wer sich nicht allein mit dem Betrachten der gelungenen Nachbildung im Büsingpark begnügen möchte: Die Internationale Senefelder-Stiftung gibt gut erhaltene, etwa 15 Kilogramm schwere Originale gegen eine Spende ab. Anfrage, Kontakt per E-Mail unter: heinz-josef_lorz@arcor.de

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