Ehrung für Kommunalpolitiker Erich Strüb

Häufig gegen den Strom

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Ehrten Erich Strüb für 60 Jahre SPD-Mitgliedschaft: Ex-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und Olaf Müller vom Ortsverein Tempelsee.

Offenbach - Das alte Lied „Die Gedanken sind frei“ gehört zu den Ritualen der SPD. Am Montagabend wurde es im Else-Herrmann-Haus angestimmt für den sozialdemokratischen Kommunalpolitiker Erich Strüb. Von Lothar R. Braun

Die Genossen feierten den 77-Jährigen für seine 60-jährige Mitgliedschaft in der Partei. Die Laudatio hielt die frühere Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Das Lied erschien passend für einen Jubilar, der seit Jahrzehnten Gedankenfreiheit eigenwillig praktiziert und dafür von Genossen und Mitstreitern anderer politischer Couleur sowohl geschätzt als auch geschmäht wird. Doch der Sänger Rudi Tillig trug eine nachempfundene Textfassung vor. Im Original habe es geheißen, dass da einer frei denkt, was er will, „aber in der Still’ und wie es sich schickt“. Ein Stiller aber war Erich Strüb nie, und konfliktscheu schon gar nicht. Zu seinen Erfahrungen gehört der Lärm vieler Schlachten.

Als Moderator des Abends machte der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Reuter den Jubilar erkennbar als Spross aus traditionellem sozialdemokratischem Milieu. Immerhin war man versammelt in einem Haus, das den Namen seiner Großmutter Else Herrmann trägt, einer Ikone der lokalen Partei.

Und gleich 1945, als es die Kinderorganisation der Roten Falken wieder gab, meldete ihn die Großmutter dort an. Aufgefallen ist er, als er mit 24 Jahren Vorsitzender des Personalrats der Stadtwerke wurde. In der Bundesrepublik war Strüb der Jüngste in vergleichbarer Position. Bei den Stadtwerken stieg der gelernte Betriebsschlosser auf zum Hauptabteilungsleiter Personal und Organisation.

1978 wechselte er als Personalstellenleiter zur Lufthansa Service-Gesellschaft. Im Ehrenamt übernahm er Leitungsfunktionen in der Gewerkschaft ÖTV und bei der Arbeiterwohlfahrt. Als Stadtverordneter, das ist er noch immer, vertrete er seine Überzeugungen „nicht immer sonderlich zurückhaltend, aber meist überzeugend“, befand Reuter.

Manche in seiner Partei hätten ihn bei der letzten Kommunalwahl ausbremsen wollen. Auf der Kandidatenliste setzten sie den Altgedienten auf den aussichtslosen Platz 40. Gewählt wurde er aber auf Platz sechs. Mit Hilfe von Unterstützern habe er SPD-Wähler dazu bewogen, ihn in der Wahlkabine nach oben zu heben.

Das Beispiel zeigt: Wo andere resignieren, beginnt Strüb zu kämpfen. Verbissen schwimmt er notfalls gegen den Strom. Mit Respekt schilderte Heidemarie Wieczorek-Zeul diesen Lebenslauf („ein beispielhafter Sozialdemokrat“), bevor sie sich Themen der überörtlichen Politik zuwandte.

Der Unterbezirksvorsitzende Felix Schwenke bescheinigte dem Jubilar die Gabe, jederzeit für seine Ideen Unterstützer mobilisieren zu können. Olav Müller, der Vorsitzende des Ortsvereins Tempelsee-Lauterborn, fand es beziehungsvoll, dass Willy Brandts 100. Geburtstag und Strübs Jubiläum in diesem Jahr zusammenkommen.

Strüb verstehe es, „stets die richtigen Themen aufzugreifen“ und mit seinem Wirken für das Gemeinwohl „sozialdemokratische Ideale mit Leben zu füllen“. Harry Neß, der Vorsitzende des Ortsvereins Innenstadt, sah in Strübs ehrenamtlichem Engagement, das auch in Vereinen wirksam wird, ein Muster für den verantwortungsbereiten Staatsbürger.

150 Jahre Sozialdemokratie: Geschichte der SPD

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Der Jubilar selbst nutzte die Gelegenheit für zwei seiner Lieblingsthemen. Privatisierungen in der Daseinsfürsorge, etwa der Trinkwasserversorgung, hält er für ein Verhängnis. Und: „Offenbach muss enger mit dem Kreis zusammenarbeiten. Er ist für uns wichtiger als Frankfurt!“ Das richtete sich wohl an den als allzu frankfurtfreundlich geltenden Oberbürgermeister Horst Schneider. Der allerdings war nicht da.

An diesem Abend war der manchmal umstrittene Erich Strüb ein Gegensätze verbindendes Element. In Eintracht löffelten Alt-Falken und Jungbewegte am Ende eine Gulaschsuppe. Sie war pikant, aber keineswegs scharf.

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