Offenbacher Flughafenexperte zum Airport Berlin

„Eigentlich alles schief gelaufen“

Offenbach - Dieter Faulenbach da Costa ist sauer. Für den Offenbacher steht fest: Der neue Hauptstadt-Airport, dessen Eröffnung bereits viermal verschoben werden musste, ist schlampig geplant. Der Architekt ist ein ausgewiesener Experte auf seinem Gebiet.

Er hat 27 Jahre Berufserfahrung und war weltweit an den Planungen für 44 Airports beteiligt. Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte ihn zu seiner Meinung über die Probleme am neuen Airport BER.

Was sind für Sie - aus Offenbacher Sicht - die entscheidenden Fehler, die in Berlin gemacht wurden?

Der Flughafen wird zu spät in Betrieb genommen, er ist zu klein und wurde zu teuer gebaut. Der entscheidende Fehler aber ist der Standort. Durch den Flughafen wird eine natürliche Ausdehnung der Metropole Berlin in südlicher Richtung verhindert. Richtung Osten und Westen ist die Entwicklung wegen bedeutender Naherholungsflächen nicht möglich und Richtung Norden nur sehr begrenzt. Man hat sich einen Flughafen für 30 Millionen Passagiere genehmigen lassen. Das gebaute Passagierterminal und die Flugbetriebsflächen verfügen aber über weniger Kapazität als die beiden im Betrieb befindlichen Flughäfen Tegel und Schönefeld derzeit schon abwickeln. Der neue, „modernste“ europäische Flughafen verfügt über keine Wachstumsreserven. Aktive Aquisition ist da nicht möglich. Jeder Tag Verzögerung verschlimmert das Kapazitätsproblem. Hinzu kommt, dass ein zu kleiner Flughafen zu teuer gebaut wurde. Für die bisher investierten vier Milliarden Euro hätte man einen richtigen Großflughafen bauen können. Nun sollte die Fehleranalyse und die Alternativprüfung vor der Schnelligkeit der Inbetriebnahme stehen.

Wenn Sie die aktuelle Lage mit anderen Airport-Planungen vergleichen: Ist das der Super-GAU in Berlin?

Ja, es ist ein planerischer und politischer GAU. Probleme, Zeitverzögerungen und Mehrkosten treten fast bei jedem Großprojekt auf. Doch bei diesem Projekt ist eigentlich alles schief gelaufen, was schieflaufen kann. Das zeugt von mangelndem Management, mangelhafter Planung, lückenhafter Bauüberwachung und fehlendem Kostenbewusstsein.

Hat die Politik bei der Aufsicht versagt - oder kann man sich als zuständiger Politiker nur auf die Aussagen der Planer verlassen?

Das Desaster wurde durch Bauherrn, Planer und Bauleitung angerichtet. Der Aufsichtsrat hat es offensichtlich versäumt, geeignete Kontrollinstrumente (unabhängige Projektsteuerung, Anti-Nachtragsmanagement, unabhängige, regelmäßige Sachstandsberichte) einzusetzen. Er hat sich offensichtlich zu sehr auf die Geschäftsführung verlassen. Obwohl es frühzeitig Hinweise auf Fehlentwicklungen und Fehlplanungen gab, hat der Aufsichtsrat nicht reagiert. 2007 habe ich in einem Gutachten nachgewiesen, dass das Terminal nicht für die geplanten 620 Millionen Euro errichtet werden könne. Meine damalige Schätzung lag bei den heute realisierten 1,1 Milliarden Euro. Man hat nicht hingehört, als Flughafenchef Schwarz von „einer Erfolgsgeschichte“ sprach, da man wegen der Nachfrage sofort nach Inbetriebnahme den Flughafen erweitern müsse. Eine äußerst ungewöhnliche Aussage für ein im Bau befindliches  Projekt. Zumal dieses Projekt zukunftsweisend sein sollte und nicht einmal das Verkehrsaufkommen am Tag der Inbetriebnahme restriktionsfrei abwickeln kann.

Was können - was werden Großprojekt-Planer aus dem Desaster in Berlin lernen?

Bis auf wenige Ausnahmen kommen Großprojekte für alle Beteiligten nur einmal in ihrem beruflichen Leben vor. Dies gilt für Planer, Behörden, Auftraggeber und Aufsichtsräte. Es wäre empfehlenswert, in Deutschland eine unabhängige Einrichtung - zum Beispiel eine Bundesbaubehörde - zu haben, die die Erfahrungen analysiert und als Berater Auftraggebern, aber auch Planern und Genehmigungsbehörden zur Verfügung steht.

Rubriklistenbild: © dpa

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