„Ein Kreuzchen reicht nicht“

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Am unbezahlten Arbeitsplatz im Stadthaus: Barbara Levi-Wach und die anderen Agenda-Aktivisten wollen Bürgern mehr Gehör verschaffen. Wer Kontakt aufnehmen will: Tel: 069 8065-2152 oder agendabuero@offenbach.de

Offenbach - Barbara Levi-Wach ist ein Phänomen: Gut 40 Stunden wöchentlich arbeitet sie für die Lokale Agenda 21 - manchmal auch mehr. Ihr Engagement ist verblüffend. Vor allem, weil es unbezahlt ist. Die Tätigkeit, die den Umfang einer Vollzeitstelle hat, macht die 58-Jährige ehrenamtlich. Von Simone Weil

Denn die Lokale Agenda hat nur ein schmales Budget von 4 000 Euro, die schnell für Papier, Büromaterial oder eine Veranstaltung ausgeben sind.

Dass politisches Handeln nicht nur den Gewählten überlassen bleibt, ist für die rotblonde Frau eine Selbstverständlichkeit. „Nur ein Kreuzchen machen, ist nicht.“ Herzerfrischend respektlos geht sie auf alle Menschen der Stadt zu, lädt sich auch mal selbst zu Veranstaltungen ein. „Ich habe keine Angst vor großen Tieren.“

Warum habe ich eigentlich nicht gleich drei Wochen Urlaub genommen?“, fragt sie sich am ersten Arbeitstag. Dann erzählt sie von der Urlaubsinsel an der Nordsee. Weil ihr Mann und sie das Auto vor 15 Jahren aus ökologischen Gründen abgeschafft haben, sind sie mit dem Zug gereist. Trotzdem habe sie ein schlechtes Gewissen, weil sie keinen Gelben Sack mitgenommen hat.

Die Aktivistin ohne Parteibuch, die es gewohnt ist, den Müll ordentlich zu trennen, ist leidenschaftlich in der Sache, aber keine Dogmatikerin. „Wir sind alle nicht persönlich beleidigt, wenn unsere Vorschläge und Forderungen nicht morgen umgesetzt sind“, sagt sie über den harten Kern von insgesamt neun Agenda-Mitstreitern.

Die Lokale Agenda 21 beschäftigt sich mit der Frage, wie ein nachhaltiges Offenbach zu verwirklichen ist. Das Aktionsprogramm bezieht sich auf zwölf Leitlinien (für die Handlungsfelder Umweltschutz, Stadtentwicklung, Soziales und Wirtschaft): Klimaschutz als (über)-lebenswichtige Aufgabe, Natur- und Landschaftsschutz, Verkehr gestalten, Stadtplanung, aus der Historie schöpfen, Integration, soziale Gerechtigkeit, Arbeit, Bildung, nachhaltiges Wirtschaften, Offenbachs globale Verantwortung, Konsum.

Besonders erfolgreich arbeitet seit neun Jahren das Projekt „Paten für Kindergartenkinder“, das Barbara Levi-Wach koordiniert. Schüler besuchen einmal wöchentlich ein Kindergartenkind, um gemeinsam zu spielen, zu singen oder eine Geschichte zu erzählen. Die ausgewählten Kindergartenkinder sprechen schlecht Deutsch und sollen deswegen beim Spracherwerb unterstützt werden.

In jüngster Zeit hat sich die Agenda-Gruppe viel mit der Lebensqualität der Plätze am Stadthof und Aliceplatz beschäftigt und Bürger befragt, ob sie etwas vermissen. Viele, der Angesprochenen nahmen sich eine Viertelstunde Zeit, um den Fragebogen auszufüllen. Aber nicht alle. „Uns ist auch viel Resignation begegnet“, sagt Barbara Levi-Wach. Es habe ja doch keinen Sinn, sich die Arbeit zu machen, wenn „die da oben im Rathaus uns ja sowieso nicht zuhören“.

Dass Bürger, die nicht gewählt worden sind, mitmischen wollen, ist bei Politikern nicht gern gesehen“, ist ihre persönliche Erfahrung. Dennoch wisse sie, „dass wir nicht ungehört bleiben“. Gerade in schlechten Zeiten könne es sich eine Stadt nicht erlauben, auf die Mithilfe der Bürger zu verzichten.

Am liebsten würde sie die ganze Welt retten

Allerdings sind Menschen wie Barbara Levi-Wach auch kaum zu bremsen. Am liebsten würde sie die Welt retten und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Doch ihr geht es nicht nur um einen hehren moralischen Anspruch, die Agenda-Arbeit macht ihr auch viel Spaß.

Die gebürtige Sächsin, die ihre Kindheit im Ruhrgebiet verbrachte, ist „zwangskatholisch“ aufgewachsen, wie sie sagt. Ihr jüdischer Vater konvertierte und durfte ihre Mutter nur mit einer Sondergenehmigung kirchlich heiraten. Die gelernte medizinisch-technische Assistentin verließ die Region 1970, um nach Frankfurt zu ziehen. Dort hatte sie erstmals das Gefühl, frei atmen zu können. In Offenbach fand sie das „heißere Nachtleben“ ohne Sperrstunde. Deswegen sei sie „irgendwann hier gelandet“. Mit einer Freundin teilte sie sich damals eine große Wohnung an der Kaiserstraße, die sie heute mit ihrem Mann Dieter Levi-Wach bewohnt. Dass Ehepaar hat offensichtlich ähnliche Auffassungen bürgerlichen Engagements. Der Elekroingenieur im Ruhestand ist ebenfalls in der Lokalen Agenda 21 tätig und hat kürzlich die Präsidentschaft beim Ersten Offenbacher Schwimmclub übernommen.

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