Preisgekröntes Offenbacher Künstlerpaar Liebl/Schmid-Pfähler

Ein schillerndes Panorama

Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler präsentieren Kunst-Werke: Ihr Roboter „verdaut“ Granulat und speit es dann in feinen, bunten Fäden aus.
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Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler präsentieren Kunst-Werke: Ihr Roboter „verdaut“ Granulat und speit es dann in feinen, bunten Fäden aus.

Es war schon keine Sensation mehr, als das Offenbacher Künstlerpaar Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler im Dezember den mit 5000 Euro dotierten Hauptpreis der Darmstädter Sezession gewann, den zweiten überhaupt für unsere Region seit 1919. Denn die Kunstroboter aus dem 2019 gegründeten „Atelier Wäscherei Dornbusch“ sind auf ihrem Weg zwischen Elektrotechnik und menschlicher Selbstwahrnehmung seit 2012 dabei, die Kunstwelt zu erobern.

Offenbach - Die Jury der europaweit angesehenen Künstlervereinigung aus der Wissenschaftsstadt schreibt dazu: „Die kinetischen Objekte von Liebl & Schmid-Pfähler sind kurios absurd, liebenswert und in ihrer Materialität gleichzeitig seltsam kalt und technoid. Merkwürdige Wesen, die den animistischen Glauben ansprechen: das Leben steckt in allen Dingen... Die Objekte sind humorvoll und sprechen dennoch von ernsten Wirklichkeiten, sind präzise gearbeitet, obwohl ihre Bewegungen spastisch und oft unkontrolliert wirken.“

Betrachtet man die preisgekrönte Roboter-Skulpturen im Atelier, so wirken sie fragil und belebt, vor allem wenn sie in ihren Organen Granulat in flüssige Kunststoffmaterie verwandeln und sie dann in feinen, buntfarbigen Fäden ausspeien. Die Sezession meint dazu: „Diese dysfunktionalen Technikwesen – wir können nicht anders als sie lieben. Sie sind unserem Existenzauftrag so fremd, dass sie uns schützenswert erscheinen.“

Das junge Künstlerpaar, das sich während des Studiums der elektronischen Kunst an der HfG kennenlernte, ruht sich auf solchen Lorbeeren nicht aus. Ergebnisse seiner unentwegten Produktivität findet man inzwischen im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien, dem WRO Art Center Breslau und der Mainzer Van der Koelen-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Auch seine Umgebung im Dornbuschviertel, die immer wieder Anteil nimmt an dessen Arbeit, ist dem einfallsreichen Duo wichtig. Deshalb macht man an der Birkenlohrstraße 3 die Schaufenster-Schau „Underwater World“ (bis 1. Juli), gemeinsam gestaltet mit HfG-Absolventin Charlotte Rahn aus dem Nachbarraum.

Die Installation sollte Teil der offiziell entfallenen lokalen Kunstansichten 2021 sein und wird in deren Mitte Juni erscheinendem Katalog dargestellt. In eigener Verantwortung stellt das Trio nun aus und öffnet sein Atelier für Besucher, begünstigt durch immer bessere Corona-Werte. Im Schaufenster sieht man ein schillerndes Panorama von Alltags- und Wegwerfästhetik, das sich mit der Wohnumgebung verspiegelt. In der Mitte schwebt eine bunt bemalte, aufgeblasene Schwimmmuschel mit der Aufschrift: „Erwecke die Gott in dir.“ Designerin Rahn hat das arrangiert.

Der Künstler: „Angeregt wurde ich durch die Botticelli-Venus mit der Muschel und die Werbung für Frauenrasierer mit dem Slogan ´Erwecke die Göttin in dir´. Werbeästhetik, Gender-Diskussion und Philosophie laufen bei mir hier zusammen.“ Nicht nur tierisch ernst sollte man auch ihre bemalten Fragmente nehmen, die wirken wie abgelegte Schlangenhaut. Daneben präsentieren Schmid-Pfähler/Liebl knallfarbene Knäuel aus Fäden, die ihre Kunstroboter ausgespien haben. Deren wild-wuschelige Art wirkt wie eine Karikatur abstrakt-expressionistischer Malerei. Die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg“ stellt sich hier nicht. Im Atelier Wäscherei wird grundsätzlich nichts weggeworfen und jegliches Material verwendet und recycelt: „Wir arbeiten mit dem, was wir haben, nachhaltig, natürlich-unnatürlich, experimentell, mit viel Freude am Experiment. Dazu wollen wir die Ästhetik der Schaufenster wiederbeleben.“

Eine Haltung zu unserer Wegwerfgesellschaft, die Beispiel machen kann. Davon überzeugen können sich angemeldete Besucher auch im großen Atelier, das eine Symbiose aus Werkstatt und Forschungslabor darstellt.

Infos im Internet

radiate.fish

Von Reinhold Gries

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