Einbahnstraßen für Radler freigegeben

Gegen den Strom radeln

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Bahn frei! Von wegen... Gegenseitige Rücksichtnahme ist erforderlich, wenn sich künftig Radler und Autofahrer in freigegebenen Einbahnstraßen begegnen. Der passionierte Radfahrer Horst Schneider zeigt am Goetheplatz, wie’s funktionieren sollte.

Offenbach - Jede Wette: Der Aufschrei folgt umgehend. Im Nordend wird künftig gegen die Einbahnstraße geradelt. Rund um den Goetheplatz gibt das der Oberbürgermeister gestern offiziell frei. Von Martin Kuhn

„Wir sind weit davon entfernt, eine fahrradfreundliche Stadt zu sein“, so der bekennende Radler Horst Schneider. Belegt wird die Feststellung vielleicht mit einem aktuellen Beschluss des Stadtparlaments. Das kippte den Bau eines provisorischen Rad- und Gehwegs am Goethering. Die vorgesehenen 120.000 Euro fließen jedoch in die Instandsetzung beschädigter Radwege. „Das ist die Rettung“, äußert Verkehrsplaner Horst-Ingo Kupfer. Er weiß: Zu tun gibt es da einiges in Offenbach.

Schneider will das öffentliche Lob. Er hält beim offiziellen Termin eine Radlerin an, deutet auf das zusätzliche Verkehrszeichen „Radfahrer frei“. „Kenn’ ich schon aus Frankfurt“, sagt die Ausgebremste, die in Offenbach arbeitet, und betont : „Das ist eine prima Idee.“ Solche Sätze hört der Verwaltungschef gern, weiß er doch um die Schwierigkeiten, alle mobilen Gegensätzlichkeiten in einer kleinen Großstadt auf die Straße zu bringen.

Offenbachs Straßen, ein buntes Flickwerk. Blau: Bahn frei für Radler. Rot: Dort ist eine Öffnung der Einbahnstraßen nicht möglich – etwa Bismarck- und Marienstraße. Orange signalisiert erhöhten Aufwand. In den grünen Straßen geht’s nahezu problemlos. VERGRÖSSERTE ANSICHT

Bereits nach dem Stadtverordneten-Beschluss im Mai 2012 wurde auf unserer Internetseite heftig kontrovers argumentiert: „Da kann man angesichts der Disziplinlosigkeit und völligen Ignoranz der StVO durch die überwiegende Zahl Offenbacher Fahrradfahrer von einem Schildbürgerstreich reden, diesen die Einbahnstraßen in jegliche Richtung freizugeben“, schrieb ein Nutzer. Aber auch das wurde öffentlich kundgetan: „Wenn mehr Menschen besser mit dem Rad durch die Stadt kommen, erhöht das nicht nur die Lebensqualität, sondern senkt möglicherweise auch das Auto-Verkehrsaufkommen. Daran kann ich nichts Schlechtes erkennen.“

Fakt ist: Offenbach nimmt bei der Öffnung der Einbahnstraßen nicht die Position eines kleinen gallischen Dorfs ein. So sind etwa in München 300 von zirka 700 Einbahnstraßen für den gegenläufigen Radverkehr freigegeben. In der Kreativstadt werden’s bald 100 sein. Dabei müssen die Behörden vor einer Freigabe einiges berücksichtigen. So nennt Rainer Buck, Chef der Straßenverkehrsbehörde, zwei Beispiele, wo es gar nicht machbar ist: Bismarck- und Marienstraße. „Da fließt der Verkehr viel zu schnell.“ Heißt: Die Einbahn-Freigabe ist allein in Tempo-30-Zonen möglich – was nahezu flächendeckend in den Wohngebieten gilt.

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Kritiker warnen indes vor einer erhöhten Unfallgefahr mit Radfahrern. „Da gibt es bislang keine Schwerpunkte“, sagt Buck. Dennoch richten die Fachleute selbstverständlich darauf ihr Augenmerk. Verkehrsplaner Rolf Schmidt erläutert: „Die bisherigen Zahlen sind bekannt. Alles weitere ist rein hypothetisch. Nach gegebener Zeit werten wir das mit der Polizei aus.“ Damit es nicht zu heiklen Begegnungen oder gar Karambolagen kommt, haben die Straßenbauer nicht allein die zusätzlichen Hinweisschilder montiert, sondern auch zur Farbe und Schablone gegriffen. An den Einmündungen prangen auffällige Piktogramme.

Bieber und Kernstadt folgen

Als nächstes sollen Ende 2013 beziehungsweise Anfang 2014 in den Stadtteilen Bürgel, Buchhügel und Rosenhöhe (Schmidt: „Die südliche Sichel“) weitere Einbahnstraßen für den Radverkehr freigegeben werden. Ab 2014 folgen schrittweise die Kernstadt und Bieber.

Abhängig ist’s naturgemäß von den Mitteln; Zuschüsse (40 Prozent) aus dem Bundestopf Klimaschutzinitiativen sind beantragt. Teuer wird’s an Kreuzungen, an denen der Verkehr per Ampel gesteuert wird und dann zusätzliche Fahrbeziehungen zu integrieren sind – da kommt schnell ein fünfstelliger Betrag zusammen.

Die Freigabe von Einbahnstraßen ist nach Auffassung der Experten grundlegender Bausteine zur Förderung der Nahmobilität mit dem Fahrrad. Das Velo sei mit weniger als zehn Prozent Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen deutlich unterrepräsentiert in Offenbach, findet der OB. Mit ein Grund ist sicher die fehlende Nord-Süd-Verbindung, die für Radler durch die Fußgängerzone zerschnitten ist. Wann ändert sich da etwas? „Mit dem Umbau des Marktplatzes“, weicht Horst Schneider etwas aus. Man darf sicher sein, dass der Verwaltungschef dafür allerdings noch einen Alternativplan parat hat.

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