Klingspormuseum: Einblicke in Persönlichkeit

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Dr. Stefan Soltek, Direktor des Klingspormuseums, betrachtet ein Blatt aus dem Rudolf-Koch-Konvolut, das sein Haus erwerben konnte.

Offenbach - Es passiert nicht oft, dass dem Klingspormuseum unbekannte Arbeiten eines seiner Hausgötter angeboten werden. Jetzt ist die Sammlung für Buch- und Schriftkunst um 195 Blätter von Rudolf Koch reicher. Sie sind im Ersten Weltkrieg entstanden. Von Markus Terharn 

Von einer Überraschung spricht Direktor Dr. Stefan Soltek. Die Bleistiftzeichnungen stammen aus dem Besitz von Rudolf Kochs jüngster Tochter Lore. Aus einem Nachlass wurden sie dem Haus Ende Mai zum Kauf offeriert. Die Anschaffung war dank einer Spende der Dr.-Marschner-Stiftung von 20.000 Euro möglich. Da konnte Soltek nicht nein sagen.

Als Schriftgestalter war Koch, geboren 1876 in Nürnberg, gestorben 1934 in Offenbach, einer der Großen. Der Kriegsdienst blieb ihm aber nicht erspart. 1915 wurde er eingezogen, kämpfte an drei Fronten, in Frankreich, aber auch im Osten, wurde verwundet und kam daher zwischenzeitlich auch mal heim nach Offenbach.

Was am Erwerb seiner fast 100 Jahre alten Skizzen besonders interessant ist: Koch hat parallel dazu schriftliche Aufzeichnungen gemacht. In redigierter Form sind sie unter dem Titel „Die Kriegserlebnisse des Grenadiers Rudolf Koch, mit einem Selbstbildnis“ 1934 posthum im Insel-Verlag Leipzig erschienen. Soltek ist derzeit damit beschäftigt, die Notizen mit den Blättern abzugleichen, die in der Regel datiert und mit Erläuterungen versehen sind.

Spektakuläre Schlachtszenen

Um deren Entzifferung sowie die Transkription aus der altdeutschen Schrift macht sich der ehrenamtliche Mitarbeiter Peter Bliemel verdient. Auch die wissenschaftliche Volontärin Dr. Dorothee Ader und die Bibliothekarin Helga Horschig beteiligen sich an der Aufarbeitung.

Wer allerdings spektakuläre Schlachtszenen erwartet, dürfte enttäuscht sein. Den Grund dafür hat Soltek in Kochs Texten gefunden: „Für ihn war es undenkbar, als unmittelbar Beteiligter wiederzugeben, was er erlebte.“

Szenen aus dem Graben sind die absolute Ausnahme; es dominieren Bilder aus der Etappe.

Koch interessierte sich vor allem für den Alltag des Soldaten. Oder einfach für die Landschaft, für alles, was er hinter der Front sah. So ist zum Beispiel ein Gehöft zu sehen, das – ebenso wie eine Dorfansicht – im tiefsten Frieden zu liegen scheint. Mal zeichnet Koch ein Stillleben mit Kochgeschirr, dann wieder einen Pfeiferaucher. Oder er zeigt den kargen Baumschmuck, mit dem ein Stück weihnachtliche Atmosphäre improvisiert wird. Während diese Skizzen oft wie rasch hingeworfen wirken, nimmt sich Koch für die Porträts mehr Zeit. Sorgfältig und sehr expressiv sind die Gesichtszüge von Kameraden festgehalten, in denen sich das jahrelange Grauen der Gefechte zu spiegeln scheint. Auch ein Selbstporträt ist darunter, „ein Selfie aus dem Weltkrieg“, scherzt Soltek.

Krieg als Thema

Und dann werden doch der Krieg und sein Werkzeug zum Thema. „Hipp-hipp – hurra“ ist die Rückenansicht eines Landsers mit Spaten und Gewehr beschriftet. Eine typische Situation ist das Ausheben des Schützengrabens. Männer liegen vor dem feindlichen Drahtverhau. Zerstörung wird symbolisch suggeriert in Bildern von öden Flächen mit schiefen Bäumen. Der Eindruck ist: Da kann ja gar nichts mehr leben.

Als Zeichenpapier und für die Passepartouts nimmt Koch, was gerade greifbar ist. Das kann auch die Rückseite eines Feldpostbriefs sein.

Wie ist das einzuordnen? Fachmann Soltek freut sich, „dass wir sowohl über Kochs Lebenszeit als auch inhaltlich Neues erfahren“. Vieles sei vorher so nicht bekannt gewesen, „sein zeichnerisches Schaffen, Figuren und Landschaften, das hatten wir noch nicht“. Die Entdeckung erlaube es, Kochs Persönlichkeit näherzukommen. „Und das lohnt die Betrachtung.“

Nacht der Museen in Offenbach (2013)

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Die übrigens grundsätzlich möglich ist. Zunächst ist daran gedacht, den frisch gehobenen Schatz in einer Sonderausstellung zu präsentieren. Ende des Jahres, wenn der Inhalt zweier Pappkartons erforscht und ausgewertet ist, soll es so weit sein.

Dafür hält Soltek den großen Saal im Erdgeschoss frei. Er bietet genügend Platz, um die Bilder mit Kochs Texten zu konfrontieren. Hilfreich bei der Gestaltung dürfte Oskar Beyers Biografie „Rudolf Koch. Ein schöpferisches Leben“ sein, erstmals gedruckt 1953, im Haus vorhanden in einer Ausgabe von 1984.

Danach wandern die Koch-Kisten zurück ins Magazin, wo sie für jeden erreichbar sind: Der Bestand versteht sich als grafische Sammlung, die öffentlich zugänglich ist und im Lese- und Vorlegesaal eingesehen werden kann.

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