25 Jahre Städtefreundschaft mit Orjol

Eine gegenseitige Bereicherung

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Generalkonsul Ruslan Karsanov (sitzend) und Orjols OB Mikhail Bernikov trugen sich bei der Feierstunde ins goldene Buch der Stadt ein.  

Offenbach - „Ist es wirklich schon ein Vierteljahrhundert her, dass die Politik der Perestroika es möglich machte, Kontakte zu russischen Städten zu knüpfen?“, wunderte sich Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider am Freitagabend über den schnellen Lauf der Zeit. Von Gerrit Brandtmann

Ja, es ist tatsächlich solange her. Und gerade deshalb gibt es großen Grund zur Freude.

Zu einer Feierstunde anlässlich der 25-jährigen Partnerschaft zwischen Offenbach und Orjol begrüßte Schneider seinen Amtskollegen Mikhail Bernikov, den russischen Generalkonsul Ruslan Karsanov sowie 22 Orjoler Bürger im Rathaus. Die Gäste hatten sich gemeinsam mit dem Bus auf die 2433 Kilometer lange Reise nach Deutschland gemacht. Nicht nur deshalb kam den beiden russischen Amtsträgern die Ehre zuteil, sich im goldenen Buch der Stadt einzutragen.

Im Rathaus feierten Vertreter aus Offenbach und Orjol zusammen mit eigens angereisten Orjoler Bürgern das Jubiläum der Partnerschaft. 

Pianist Ronald Fries machte mit Beethoven den musikalischen Auftakt des Abends und bereicherte die wortreiche Feier mit weiteren Werken Chopins und Liszts. Schneider wiederum blickte auf eine lebendige Städtepartnerschaft zurück. „Durch den jahrzehntelangen Kontakt haben sich viele private Freundschaften ergeben.“

Initiative ging von zwei Schulen aus

Keimzelle der Verschwisterung waren zwei Schulen: Die Offenbacher Schiller- und die Orjoler Schule 39, die später ebenfalls den Namen Schiller-Schule erhielt, pflegten bereits seit den 70er Jahren Kontakte miteinander. Doch erst Gorbatschows politische Öffnung ermöglichte neue Formen der internationalen Annäherung und so unterzeichnete man am 8. Juni 1988 einen Partnerschaftsvertrag – seinerzeit noch unter den wachsamen Augen sowjetischer Botschaftsvertreter. Auf russischer Seite setzte der mittlerweile gestorbene Oberbürgermeister Anatoliy Merzalov seine Unterschrift unter das Papier.

Dass der Vertrag zwischen den beiden Städten nicht nur einer der warmen Worte ist, bekannte auch Oberbürgermeister Bernikov: „Unsere Freundschaft ist durch Jahre und Taten geprüft, sie ist eine gegenseitige Bereicherung.“ Das zeige sich auch daran, dass nach wirtschaftlichen Versorgungsengpässen in der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre die Offenbacher 450.000 Deutsche Mark sammelten, um ihren russischen Freunden zur Seite zu stehen. „In acht Hilfsgüterkonvois versorgten wir 1991 und ’92 zwei Kinderkliniken und ein Waisenhaus mit medizinischen Geräten“, erinnerte Schneider an frühere Taten.

Soldaten als Fremdenführer

Dieses Mal hatten die Gäste ein Geschenk dabei: Schneiders russischer Amtskollege überreichte ihm die Stadtfahne, die neben dem Orjoler Kristalladler und dem Stadtwappen immer noch Hammer und Sichel zieren.

Wie sehr die Partnerschaft gelebt wird, zeigt diese Zahl: 250 Menschen nahmen allein in den vergangenen beiden Jahren am Austausch teil. In der Gegend um Orjol bemühten sich russische Studenten, den Nachkommen deutscher Wehrmachtssoldaten die Orte zu zeigen, an denen ihre Großväter fielen.

Ein Zeitzeuge und mit 91 Jahren vielleicht auch ältester Gast des Abends war Dietrich Schneider. Im Sommer 1943 entging er der Kriegsschlacht um Orjol, da er zuvor bei einem Unfall verletzt worden war. „Ich war in Frankreich stationiert und meine Panzerdivision hätte eigentlich nach Afrika verlegt werden sollen. Wir waren alle entsprechend ausgestattet, bekamen dann aber den Marschbefehl nach Osten“, erinnerte sich der Kriegsveteran.

Bürger erhalten die Partnerschaft am Leben

Generalkonsul Karsanov ordnete den Erfolg auch in einen bürgerlichen Kontext ein: „Viele Partnerschaften scheitern langfristig am Mangel an Geld oder Organisation. Es ist auch die Leistung der einfachen Bürger, die sie am Leben halten, nicht nur die der Eliten.“ Als Botschaftsrat in Berlin hatte er schon 1992 die Gelegenheit, partnerschaftliche Beziehungen zwischen beiden Länden aus nächster Nähe zu begleiten.

Auch heute noch zählt er viele Menschen aus dieser Zeit zu seinen persönlichen Freunden. Auch Werner Frei, Vorsitzender des Klubs Offenbach-Orjol, lobte die menschlichen Aspekte: „Es ist schön, die Verbindungen über die Jahre zu begleiten. Ich hatte sogar schon Gelegenheit, Trauzeuge bei einer deutsch-russischen Hochzeit zu sein.“

Der Erfolg dieser Partnerschaft blieb außerhalb der beiden Städte übrigens nicht unbemerkt. Das Deutschrussische Forum zeichnet den Offenbacher Orjol-Klub für seine Aktivitäten 2004 aus.

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