Eine lang ersehnte Stelle

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Karin Rölz mit den an den Rollstuhl gefesselten Fröbelschülern Mladen und Prodomos. Die in Offenbach geborene und in Hoheim wohnende Diplom-Pädagogin hat 20 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit behinderten Menschen gesammelt.

Offenbach - Wenn Rektor Reinhard Brand beschreibt, mit welchen vielfältigen Herausforderungen er und seine Kollegen konfrontiert sind, will man kaum glauben, dass erst seit diesem 1. September eine Schulsozialarbeiterin an der Fröbelschule für Praktisch Bildbare tätig ist. Von Thomas Kirstein

Gestern wurde Diplom-Sozialpädagogin Karin Rölz vorgestellt. Die gebürtige Offenbacherin steht in den Diensten des Vereins Behindertenhilfe in Stadt und Kreis. 20 Stunden pro Woche ist sie tätig, finanziert von der Stadt Offenbach über einen Leistungsvertrag mit dem Verein.

Im Landkreis ist man schon länger viel weiter, wenn es darum geht, Schüler und Familien zu helfen, sie zu beraten und zu unterstützen. An den drei Behindertenschulen des Kreises in Rodgau, Heusenstamm und Langen arbeitet je ein Sozialarbeiter 25 Stunden pro Woche. „Und das ist schon sehr knapp“, sagt Petra Czaplicki, bei der Behindertenhilfe zuständig für die Schulsozialarbeit.

Dass ein solches Angebot an der Offenbacher Behindertenschule so lange auf sich warten ließ, lag nicht allein an den knappen Finanzen der Stadt. Offenbachs Sozialdezernentin, Bürgermeisterin Birgit Simon, deutet unterschiedliche Meinungen von Fachleuten an: „Schulsozialarbeit kann ein richtiger Weg sein, muss es aber nicht. Es besteht die Gefahr , dass Probleme von der Lehrerschaft weitergereicht werden.“ Nur wo die Sozialarbeiterin in die Klassen gehen und auch Strukturen verändern könne, sei das Angebot sinnvoll.

- Die Fröbelschule ist Offenbachs „Schule für Praktisch Bildbare“: In Hessen soll nicht die Behinderung, sondern das, was erreicht werden kann, betont werden.

- Die 97 Schüler im Alter von 6 bis 20 Jahren werden in 13 Klassen unterrichtet. Neben den 29 Lehrern kümmern sich 20 Integrationshelfer um je ein Kind, das individuelle Betreuung benötigt.

- Auf der Fröbel-Homepage heißt es: „Unsere Schule ist etwas Besonderes, weil wir auch besonders sind. Jeder von uns kann verschiedene Sachen und hat andere Stärken, manche Dinge können wir aber auch noch nicht (so gut). So lernen einige von uns gerade alleine zu laufen oder zu essen und andere schon das Lesen und Rechnen.“

- In der Aktion Brückenschlag sind Offenbacher Künstler an der Schule tätig, das Projekt Partnerschaft verbindet die Fröbelschule mit dem Leibnizgymnasium.

Jetzt ist die vom Kollegium und dem Elternbeirat mit seiner Vorsitzenden Gabriele Meister lange ersehnte Schulsozialarbeit endlich eingeführt. Rektor Brand stellt klar, dass nicht allein eine zögerliche Haltung der Stadt für die späte Einrichtung einer solchen Stelle maßgeblich war: „Als Lehrerkollegium haben wir viele Jahre gedacht, wir kriegen es allein hin.“
Längst sind die 29 Lehrer und die 20 Integrationshelfer des Besseren belehrt, dass zusätzliche Kraft und Erfahrung notwendig ist, um Familien unterstützen zu können. „Oft verbirgt sich hinter einer auffälligen Unkonzentriertheit ein ganzes Bündel sozialer familiärer Probleme“, weiß Margit Wenzel, Sozialarbeiterin an der Langener Janusz-Korczak-Schule.
Die knapp hundert Kinder und Jugendlichen, die an der Goethestraße lernen und betreut werden, weisen ein breites Spektrum von Behinderungen auf - von der beeinträchtigten Lernfähigkeit derjenigen, die die Grundschule nicht schaffen, bis zur Schwerstmehrfachbehinderung. Viele sitzen im Rollstuhl, manche können sich nicht artikulieren. „35 Prozent sind chronisch krank, manche haben regelmäßig leichte bis schwere epileptische Anfälle, wir haben Kinder, die nicht essen können und über eine Magensonde ernährt werden müssen“, berichtet Brand.

Hinzu kommt eine Offenbacher Besonderheit: 80 Prozent der Fröbelschüler stammen aus Familien mit ausländischem Hintergrund. In der Einrichtung schräg gegenüber dem Capitol ist ein Dutzend Nationen vertreten.

Falsche Erwartungen überschatten manchmal die Zusammenarbeit

Das bringt nicht nur erhebliche Verständigungsschwierigkeiten mit Eltern, sondern auch manchen kulturellen Konflikt, was das Verständnis von Eltern für ihre Kinder angeht. „In ihren Heimatländern gibt es solche Schulen wie die unsere nicht“, sagt Reinhard Brand, „die Eltern erwarten dann eine Art Reparaturbetrieb für die Behinderung.“ Mangelnde Bildung und schwierigste soziale Verhältnisse tun ein Übriges, viele Kindern leiden unter den Vorurteilen und Erwartungshaltungen ihrer Eltern oder werden vernachlässigt.

Der Fröbel-Rektor hat erschreckende Beispiele parat: die total untergewichtige 15-Jährige, die zuhause derart eingeräuchert wird, dass sie nach dem Wochenende erstmal in die Schulbadewanne gesteckt werden muss; der Junge, der nach dem Aussteigen aus dem Bus vom Vater auf offener Straße regelrecht zusammengeschlagen wurde.

Karin Rölz wird sich an der Fröbelschule nicht über einen Mangel an Herausforderungen zu beklagen haben. Die gehen von der Hilfe bei bürokratischen Fragen wie der Beantragung eines Behindertenausweises oder solche des Vormundschafts- beziehungsweise Betreuungsrechts bei volljährigen Schülern bis zur individuellen Begleitung und persönlichen Beratung.

Für den schulunabhängigen Dienst gilt es, wie Jürgen Großer, Geschäftsführer des Vereins Behindertenhilfe, formuliert, „behinderungsbedingte soziale Benachteiligung auszugleichen und zur Verbesserung der Lebensbedingungen beizutragen“.

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