Eine Mütze, die ganz Bieber gehört

+
Peter und Silke Jahn haben das Traditionslokal „Ittche Kaiser“ übernommen. Am 6. April, dem Dienstag nach Ostern, ist Eröffnung.

Bieber ‐ Es gibt Dinge, um die herum könnte vermutlich die Welt zusammenbrechen, ohne dass ein Stäubchen an ihnen hängen bliebe. Die alte Mütze, die Peter Jahn ehrfurchtsvoll vor sich auf den Tresen legt, ist so ein Ding. Von Marcus Reinsch

Früher, da hat sie Ittche Kaisers Kopf bedeckt. Es gibt ein Foto davon, vom legendären Wirt und seinem Deckel, Jahn wedelt mit einem Ausdruck. Mit der Mütze würde er das niemals tun. Eigentlich gehört die in einen Rahmen, besser noch hinter Glas, meint er und erstickt jeden Versuch im Keim, dem guten Stück eine zu einem menschlichen Schädel passende Wölbung zu verpassen. Die Mütze bleibt, wie sie ist. Und passt damit perfekt in diese Räume am Rebstock.

Der „Ittche Kaiser“, Prototyp dörflicher Gastronomie, ist eine Insel der Unveränderlichkeit, die nur millimeterweise Boden an das Meer der Moderne verliert. Und Peter Jahn ist ihr neuer Pächter. Ob Ittche Kaisers Mütze, diese Reliquie Bieberer Gastlichkeit, nach einem Zusammenbruch der Welt noch da sein würde, das will er gar nicht erst herausfinden. Seit wenigen Wochen geht es für ihn und seine Frau Silke eher um Aufbau. Das Paar hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, als sie sich bot. Beide sind vom Fach, erkannten in der durch den Ort rasenden Nachricht, dass die Traditionskneipe Ende Februar herrenlos wird, die Chance, seinen „langjährigen Traum zu erfüllen, mich selbständig zu machen“.

Die Jahns leben seit 18 Jahren in Bieber

Die Voraussetzungen sind gut. Jahn, 43, hat alle kulinarischen Ebenen kennen gelernt. 1985 Ausbildung im Bürgeler Restaurant „Zur Post“, weiter in den „Frankfurter Hof“ und ins „Parkhotel Adler“ in Hinterzarten. Dann, wie er es nennt, „Wanderjahre“ in Süddeutschland und noch ein Stückchen die Landkarte runter, in die Schweiz. 1995 machte er seinen Küchenmeister vor der IHK Frankfurt, die Köche bemerkenswerter- und oft sinnvollerweise in der Kategorie Kunsthandwerk führt.

Und jetzt Bieber. Es ist kein Neuland für die Jahns, sie leben seit 18 Jahren hier. Erst zu zweit, dann kamen die Söhne, 9 und 11. Gattin Silke ist Restaurantfachfrau, machte einst Station im Lämmerspieler „Waitz“ und im Golfclub Neuhof. Und im Schwarzwald, in Hinterzarten, wo sich die Lebensläufe des Paars kreuzten. Seither verlaufen sie auf einer Linie, nun auch beruflich.

Am 6. April, dem Dienstag nach Ostern, soll das „Ittche Kaiser“ wieder aufmachen. Dienstags bis samstags von 17 Uhr bis Mitternacht, sonntags, wenn Bieber Essen geht, von 10 bis 14.30 Uhr. Montag ist Ruhetag, das war eigentlich schon immer so. Und auch die Telefonnummer, für Reservierungen ab Ende März, z 069/ 98952147, bleibt die bekannte.

Bis dahin wird es keine ruhige Minute geben, danach vermutlich auch nicht. Die Decke und der Teil der Wände, der nicht holzvertäfelt ist, haben bereits einen neuen Anstrich bekommen. Die Zwei-Ecken-Bank, wo gerne die Würfel und die Trümpfe fallen, bleibt an Ort und Stelle. Die gusseisernen Kleiderhaken warten auf Gäste und ihre Jacken. Das restliche Mobiliar, Tische, Stühle, ist momentan in einer Ecke der Gaststube gestapelt. Oben, im Kolleg und Raucherbereich, wird auch gearbeitet.

Politur bedeutet auch die neue Speisekarte

Peter Jahn, der später die Gäste bekochen wird, steht hinterm Tresen. Es bleibt ihm gerade nichts anderes übrig. Der robuste Fußboden vor der hölzernen Theke, dem Generationen von Bieberern ihren Stempel aufgedrückt haben, wurde abgeschliffen, frisch versiegelt, man darf gerade nicht drauf herumlaufen. Das Steinholz glänzt seit vielen Jahren so schön speckig wie die Aktentasche eines alten Beamten. Und das darf es weiterhin, ergänzt durch „neuen Glanz“, den Jahns für das Ittche im Sinn haben.

Ein wenig Politur bedeutet auch die neue Speisekarte. Sie ist noch nicht geschrieben, aber der Küchenchef hat klare Vorstellungen von dem, was zur von ihm weiterzuführenden Tradition der „guten Stube, in der sich die Bürgerlichkeit, Jung und Alt treffen“, passt: eine „Küche mit gutbürgerlichem Einschlag“. Das Schnitzel. Der Haspel. Das Rippchen. Der Handkäs. Das Hacksteak.

Und das Henninger, wie seit Bieberergedenken, verstehe sich ja von selbst. Und dass die Bembel hinter der Theke in einer Ebbelwoiwirtschaft nicht zur Dekoration verkommen werden, das sei auch klar. Dafür seien Bilder da. Und vielleicht eine schwarze, platte Mütze hinter Glas? Peter Jahn sagt, er betrachte die Mütze nicht als sein Eigentum. Die gehöre nicht dem Pächter. Die gehöre dem Ort.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare