Eine vielschichtige Jagd

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Das Sprachförderprogramm läuft seit zwei Wochen in der Jugendherberge Büdingen. Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß empfing vor der finalen Woche die Betreuer, die Kinder und deren Eltern in Offenbach.

Offenbach (op) - Muzdalfa würde am liebsten sechs Wochen im Deutschsommer verbringen. So viel Programm gibt es zuhause nicht. Für den Sechsjährigen sind die Tage gut gefüllt mit Maskenbasteln, Spielen, Walderkundungen. Sogar eine Gespensterjägerjagd im Wald hat es gegeben.

Ganz nebenbei kommt auch der Deutschunterricht nicht zu kurz, schließlich machen die 47 Offenbacher Grundschüler mit dem Deutschsommer gerade „Ferien, die schlau machen“.

Nach der gelungenen Premiere im Vorjahr bietet die Stadt zum zweiten Mal einen Deutschsommer. Seit Ende Juni sind die Buben und Mädchen für drei Wochen in der Jugendherberge Büdingen und arbeiten mit Pädagogen an ihrer Sprachkompetenz: Satzbau, Grammatik. Präpositionen und Artikel stehen vormittags auf dem Programm, ergänzt wird der Unterricht mit Theaterspielen, die das gelernte vertiefen. Aber auch nachmittags liegt der Schwerpunkt bei der Vermittlung von Sprachstrukturen.

„Die Kinder können Deutsch, allerdings fehlen differenzierte Sprachkenntnisse“, erläutert Nicola Küpelikilinc, Psychologin und Expertin für die Deutsch-als-Zweitsprache-Vermittlung, die den Deutschsommer als Fachkraft begleitet. Die meisten Kinder mit Migrationshintergrund hätten bereits Strategien entwickelt, um ihre mangelnde Ausdruckfähigkeit zu kaschieren. Häufig äußere sich dies in einer Ausdrucksweise, die „ungefähr“ bleibt. Da den Kindern die sprachliche Sicherheit fehlt, sprechen sie häufig leiser und verschlucken Teile des Satzes. Problematisch allerdings wird dies, wenn es darum geht, Textaufgaben zu verstehen. Dann, meint die Expertin, kämen die Kinder unweigerlich an ihre Grenzen, da bereits eine andere Präposition einen anderen Sinnzusammenhang bedeuten kann. Was für sie ganz fatal ist: Lehrer könnten diese Defizite im Schulalltag nicht auffangen.

Kinder lieben Ausflüge und Yoga

Ein Tridem aus DaZ (Deutsch-als Zweitsprache)-Fachkraft, einem Theaterpädagogen und einem Sozialpädagogen kümmert sich um eine Gruppe mit jeweils 15 Schülern. Zusammen sind elf Fachkräfte für die 45 Kinder in Büdingen verantwortlich. Die Sozialpädagogin Solveig Härtel betreut die rote Gruppe und ist während der drei Wochen ständiger Ansprechpartner für die Jungen und Mädchen: „Da jeder Betreuer andere Kompetenzen und Interessen mitbringt, können wir den Kindern viele Aktivitäten anbieten. Wichtig ist, dass bei allen Spielen das Deutschlernen nicht zu kurz kommt.“ Vor allem Ausflüge lieben die Kinder, aber auch ihr Yoga-Angebot werde begeistert angenommen. Ein Höhepunkt ist die Gespensterjägerjagd gewesen. Schließlich lesen die Kinder gerade in dem Buch „Gespensterjäger auf eisiger Spur“ von Cornelia Funke und kennen sich schon aus mit UEGs (Unheimlich ekliges Gespenst) und MUGs (Mittelmäßig unheimliches Gespenst). Dazu bereiten sie ein Theaterstück vor, das am Abschlusstag für die Eltern aufgeführt wird.

„Die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder für drei Wochen in fremde Obhut zu geben, ist in diesem Jahr um einiges besser gewesen“, berichtet Waltraud Klopf. Sie sagt: „Die Schulen haben gute Vorarbeit geleistet.“ Sie hat das Projekt wieder organisiert, kümmert sich um alles und nimmt schon mal den Anruf einer besorgten Mutter entgegen. Denn Fernsehen, Telefon und andere technische Geräte sind für die Kinder während des Deutschsommers tabu. In der ersten Woche haben die Kinder die Nächte noch zuhause verbracht, seit der zweiten Woche sind sie nur am Wochenende zu Hause.

Positive Mund-zu-Mund-Propaganda

Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) ist angetan: „Der Deutschsommer ist angekommen.“ Während im vergangenen Jahr noch um Teilnehmer „gekämpft werden musste“, war die Nachfrage in diesem Jahr größer als das Angebot: „Wir hätten auch 74 Kinder mitnehmen können“. Die Lehrer haben als Multiplikatoren mitgearbeitet und unter den Eltern gab es positive Mund-zu-Mund-Propaganda. Daher konnte eine Auswahl getroffen werden und die 47 Kinder in Büdingen sind jene, die den größten Förderbedarf haben, die aber auch am meisten profitieren können.

Dass der Deutschsommer wirkt, zeigen die guten Ergebnisse des ersten Jahres, bei denen die Kinder ihre „unterrichtsfähigen Deutschkenntnisse nachweislich steigern konnten“. 13 der 14 Grundschulen haben in diesem Jahr Kinder für den Deutschsommer angemeldet, 25 Nationalitäten sind vertreten. Das Sprachförderprogramm realisiert die Stadt mit Partnern. So stellen auch die Dr. Marschner-Stiftung und das Hessische Kultusministerium jeweils 30 000 Euro bereit. Hinzu kommen regionale Partner. Und die Stadtbücherei schickt nicht nur den Bücherbus, sondern hat auch jedem Kind einen Bibliotheksausweis in die Schatzkiste gespendet. Schließlich gibt es noch viele spannende Bücher zu entdecken...

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