Vor dem Tod einen Hamburger

Offenbach - Kerzen anzuzünden, ist verboten im Offenbacher Klinikum. Im Besprechungsraum des Palliativteams brennt an diesem Morgen trotzdem eine. Wie immer, wenn gerade ein Patient gestorben ist. „Bis zu vier Kerzen auf einmal haben wir schon angezündet“, beichtet Krankenschwester Susanne Matboue.

Ob eine Kerze brennt oder nicht: Das Sterben ist ständig präsent im Arbeitsalltag der drei Krankenschwestern, zwei Arzthelferinnen und des Arztes, die sich um unheilbar Kranke in Stadt und Kreis Offenbach kümmern. Um Menschen, die aus medizinischer Sicht nicht mehr lange zu leben haben und die dieses Leben nicht um jeden Preis verlängern möchten. Um Menschen, die ihre letzten Tage, Wochen oder Monate zu Hause und mit möglichst wenig Schmerzen verbringen möchten.

Für neue Patienten oder deren Angehörige ist das Palliativ-Team werktags von 9 bis 15 Uhr zu erreichen unter Tel. 069 / 84 05 46 73 oder: palliativteam@klinikum-offenbach.de

Die Behandlung Krebskranker ist ein Schwerpunkt in der Arbeit des Offenbacher Klinikums - die Strahlenmedizin etwa genießt überregional einen guten Ruf. Für Boris Knopf ist es darum nur konsequent, wenn das Klinikum sich auch um jene kümmert, die selbst mit größter medizinischer Anstrengung nicht zu heilen sind. Denn das sind fast immer Krebspatienten. „Erst mit diesem Angebot wird unser Versorgungskonzept wirklich rund“,sagt Knopf. Der frühere Pfleger arbeitet mittlerweile in der Verwaltung und hat das Palliativteam mit aufgebaut. Finanziellen Profit wirft die Betreuung der Schwerkranken in deren eigenen vier Wänden nicht ab fürs Klinikum. Aber es trägt zum guten Ruf des Hauses bei.

Wolfgang Gieß, der Arzt des Teams, berichtet von einer Patientin, die mit schweren Schmerzen aus einer Klinik entlassen worden war. Mit Medikamenten sei es gelungen, sie noch am selben Tag davon zu befreien. „Abends ist sie in ein Schnellrestaurant gegangen und konnte den Hamburger richtig genießen, am nächsten Tag ist sie gestorben.“ Nicht das Sterben hinauszuzögern, sondern Todkranken ein würdiges Lebensende zu ermöglichen. Das ist die Mission der Palliativ-Helfer. Und manchmal zeigt sich der Erfolg der Bemühungen eben in einem schmerzfrei verzehrten Hamburger.

Vor einem Jahr ist das Team gestartet - und hat seither mehr als 200 Patienten betreut. Die meisten sind unterdessen gestorben. Aktuell kümmern sich Arzt, Schwestern und Helferinnen um 45 Schwerkranke. Aufgabe der engagierten Klinik-Mitarbeiter ist es nicht, die eigentliche Pflege und medizinische Betreuung zu leisten. Vielmehr koordinieren sie die Arbeit vieler Beteiligter. Erst im Zusammenspiel mit niedergelassenen Ärzten, privaten Pflegediensten, Familienangehörigen und ehrenamtlichen Helfern gelingt es, den Todkranken einen Lebensabend in der vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Das ambulante Palliativteam vernetzt die Aktivitäten der vielen Beteiligten und löst organisatorische Probleme - ob sie ein Pflegebett besorgen, sich um die Kostenübernahme durch Krankenkassen kümmern oder sich der Sorgen der Angehörigen annehmen.

Nicht nur der Kranke, auch das Umfeld wird auf den bevorstehenden Tod vorbereitet. Wenn das gelungen ist, braucht es ganz am Schluss mitunter keiner professionellen Hilfe mehr. „Mein Mann ist gerade gestorben. Es hat alles gut geklappt. Kommt von euch nochmal jemand vorbei?“ Solche Anrufe sind im Büro des Palliativteams nichts ungewöhnliches und zeugen vom Erfolg der Arbeit, die auch das Bewusstsein verbreitet, dass Sterben etwas ganz normales ist.

Entscheidend ist die ständige Erreichbarkeit der Helfer. In Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten ist es gelungen, für die Schwerkranken und deren Angehörigen eine Rufbereitschaft rund um die Uhr zu organisieren. „Das entlastet Hausärzte, die nicht immer zur Verfügung stehen können und bestimmte Patienten deshalb in die Klinik einweisen würden, wenn es dieses Angebot nicht gäbe“, erläutert Boris Knopf. Auch für die Angehörigen ist die Gewissheit beruhigend, immer einen Arzt erreichen zu können, der über den Patienten Bescheid weiß.

„Das ist mir ganz wichtig“, sagt Franz Berz (Namen geändert). Die 68-jährige Frau des Rentners hat nach einer schon überstanden geglaubten Krebserkrankung einen fatalen Rückschlag erlebt. Unmittelbar nach einer Reise durch Kenia erlitt Hanne Berz Anfang des Jahres einen Darmverschluss. Fast den kompletten, von Metastasen zerfressenen Dünndarm haben die Ärzte im Klingsporkrankenhaus entfernt. Von knapp fünf Metern Darm ist nur ein halber übrig geblieben. Die Obertshausenerin wird nachts künstlich durch einen Tropf neben ihrem Bett ernährt. Tagsüber kann sie ganz normal essen, nimmt aber kaum etwas von den Nährstoffen auf. Vermutlich sind zudem weitere Organe im Bauchraum vom Krebs befallen. Trotz der schweren Krankheit fühlt sie sich zwei Wochen nach dem Klinik-Aufenthalt viel besser. Sie erzählt Arzt Wolfgang Gieß und Krankenschwester Susanne Matboue von Spaziergängen und nachmittäglichen Besuchen im Wohnwagen, der in Neu-Isenburg einen festen Standplatz hat, und strahlt Lebensfreude aus.„Und ich esse mit Appetit - obwohl ich das ja gar nicht bräuchte.“Dass ein Reporter den Besuch des Palliativteams in ihrer Wohnung begleitet, stört Hanne Berz nicht. „Ich freue mich, wenn über diese segensreiche Einrichtung berichtet wird.“

Für Berz wäre es keine Alternative, im Krankenhaus zu liegen. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“Ein Pflaster am Arm versorgt den Körper der 68-Jährigen ständig mit starken Schmerzmitteln, so dass ihr nichts weh tut. Nun bespricht sie mit Wolfgang Gieß, wie man die Dosierung des Mittels reduzieren kann. Denn sie sei abends so müde, dass sie schon auf der Couch einschlafe. „Ich würde gerne mal wieder eine Sendung zu Ende sehen.“ Der Arzt macht einen Vorschlag, wie sie vermutlich weiter schmerzfrei bleibt und dennoch länger wach sein kann. Und auf den nächsten Film freut sie sich schon.

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