Einer ging immer noch rein

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Bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker kennen sich die Leute nur mit dem Vornamen. Diskretion ist oberstes Gebot.

Offenbach - In einen Verein geht jemand meist, weil er gerne Fußball spielt, Briefmarken sammelt, sein Interesse mit anderen teilen will. Es gibt jedoch Gruppen, zu denen finden die Menschen nicht aus Lust, sondern aus Verzweiflung. Von Stefan Mangold

In der Regel kontaktieren Trinker die Anonymen Alkoholiker (AA), „wenn Sie einen Tiefpunkt erreicht haben“, sagt Gerd (50), „wobei jeder anders den Tiefpunkt als solchen empfindet“. Alle Mitglieder der Gesprächsrunden der Selbsthilfegruppe verbindet der Wille, nicht zu trinken, „weil wir mit Alkohol den Alltag nicht mehr meistern können“.

Für einen wie Gerd muss derLiedtext „einer geht noch, einer geht noch rein“, grotesk klingen. Einer ging immer rein. Zehn oder zwanzig Gläser Bier auch noch. Täglich. Manchmal habe er in der Kneipe auf die Uhr geschaut und gedacht, schlafen lohnt sich nicht mehr. Dann lief er nach dem letzten Schluck in die Firma zur Frühschicht. Wenn es nicht mehr ging, rief seine Mutter an und erzählte, er sei krank. War Gerd auch, nur anders, als die Mutter den Schichtleiter glauben lassen wollte.

„Wir geben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind...“, lautet der erste der sogenannten „Zwölf Schritte“ der AA. Das Ziel liegt weit jenseits einer lapidaren Bemerkung wie ‘ich muss mal weniger saufen’, oder der morgendlichen Reue nach durchzechter Nacht, die sich in Worten wie ‘nie wieder’ spiegelt.

„Ich will heute keinen Alkohol trinken“, benennt Günther (64) einen zentralen Leitsatz. Dessen Vater schluckte, die Mutter litt an Depressionen. Günther griff mit 15 Jahren zur Flasche. „Die familiäre Situation soll keine Ausrede sein“, will der pensionierte Außenhandelskaufmann die Verantwortung nicht leugnen, „mein Bruder trank schließlich nie“.

Trotzdem absolvierte Günther eine Lehre. Durch die alkoholbedingten Ausfälle blieben die Arbeitsstellen Gastspiele. In der nächsten Firma bewarb er sich mit gefälschten Zeugnissen. Wachte Günther nachts auf, stand neben dem Bett eine offene Flasche, um „meinen Brand mit Bier zu löschen“. Während eines Deliriums halluzinierte er einen Hund, der an seinen Zehnnägeln knabbert. Den Suff begleitete ein Rhythmus von Entzügen, Suizidversuchen und Aufenthalten in der Psychiatrie. Günther erreichte seinen Tiefpunkt, als die zweite Frau drohte, sich scheiden zu lassen und sein Arbeitgeber, der ihn trotz seiner Eskapaden nicht entlassen hatte, „mir die dunkelgelbe Karte zeigte“. Bei den Anonymen Alkoholikern hat er eine neue Erfahrung gemacht: „Die Leute interessierten meine Probleme.“ Sein letztes Bier liegt zwanzig Jahre zurück. Verheiratet ist er immer noch. Den Arbeitgeber wechselte er nicht mehr.

Gerd meidet seit 21 Jahren jeden Tropfen. Er sah Mäuse auf dem Küchentisch. Oft hat er die Leute in Kneipen provoziert, „bis die zuschlugen“. Sein Tiefpunkt korrespondierte mit der Hoffnung, das Sorgerecht für seine Tochter zu bekommen. „Ich musste nachweisen, trocken zu sein“. Bei den AA kam er mit Menschen in Kontakt, „die davon erzählen, was ich erlebt habe“. Auch heute trifft ihn noch mancher Satz „wie ein Blitz der Erkenntnis“.

In Frankfurt gibt es eine spezielle Gruppe für junge Menschen. Clara (25) entdeckte den Alkohol während Übernachtungen bei Freundinnen. Damals war sie zwölf . Glücklich sei sie im angetrunkenen Zustand gewesen, „ohne Angst im Kontakt mit anderen“. Mit 17 kam sie nicht mehr weiter und suchte nach den AA im Telefonbuch. Die nächsten zwei Jahren trieb es die Abiturientin immer wieder zur Flasche. Schließlich merkte sie, „gegen den Alkohol verliere ich immer“.

‹ Kontakt für Treffen der AA in Offenbach: s  069 5974274, täglich von 18 bis 21 Uhr.

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