Einfach mal nicht schließen

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Passt? Passt. Das Bürgeler „Dämmershoppen“ lockte viele Menschen auf die Straße.

Offenbach - Bis spät abends einkaufen? Was heute in jeder größeren Stadt selbstverständlich ist, war vor noch gar nicht langer Zeit noch was ganz Besonderes. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Es ist erst 22 Jahre her: Damals wurde der lange Donnerstag eingeführt und Berufstätige konnten wenigstens an einem Abend in der Woche in relativer Ruhe aussuchen. 1996 entfiel die Regelung; Händler durften jetzt generell bis 20 Uhr verkaufen.

Da ist die Stimmung schon fast nostalgisch, als 17 Bürgeler Einzelhändler vorgestern zum „Dämmershopping im Frühling“ bis 22 Uhr einladen. Nachdem die Aktion vergangenes Jahr bei Regenwetter mehr oder weniger ins Wasser gefallen war, ist Hochdruckgebiet „Nicole“ nun ganz auf der Seite der Stadtteilbummler. Die Geschäfte sind hell beleuchtet, einige haben zur Verdeutlichung Sonnenschirme auf dem Trottoir platziert. Beim „vis-à-vis“ findet man neben dem Schirm gleich eine ganze Reihe Waren aufgebaut.

Wilma Brandner, Inhaberin und Vorsitzende des Gewerbevereins „Bürgel aktiv“, ist gut beschäftigt, die Kunden sind auf Schnäppchenjagd. Sie selbst schließt ihren Haushaltswarenladen nach 43 Jahren, hat Ausverkauf. Eine Kundin trifft ins Schwarze: „Da geht wieder etwas verloren in Bürgel.“ Das von den Eltern übernommene Geschäft ereilt das gleiche Schicksal wie manchen Kollegen. Brandner hat keinen Nachfolger gefunden.

Frauen drängen sich um Stoffballen, es herrscht angeregtes Geschnatter. Im Bürgeler Stofflädchen gibt es alles aus Jersey für zehn Euro den Meter. Das Glas Sekt dazu ist gratis. Claudia Käs, die das Restehaus Brinkschulte vor zehn Jahren übernommen hat, zeigt sich zufrieden. „Es sind viele Stammkunden aus Nähkursen oder Schulen hier. Das Dämmershopping läuft bei uns immer gut.“

Eher das Gegenteil findet sich bei Radio Sperling. Stephan Sperling wollte heute Abend eigentlich seine Kunden bezüglich der digitalen Satellitenübertragung beraten, die in einem Jahr Standard wird. Dann brauchen alle Konsumenten neue Receiver für ihr Fernsehgerät, und es könnte zu Engpässen kommen. „Ab heute müssten jeden Tag 18 000 digitale Sat-Receiver verkauft werden, um die sechs Millionen Kunden bis zur Startzeit zu versorgen“, rechnet er vor. Aber die Kunden nutzen den Vorfrühling lieber für andere Bedürfnisse. Viel los ist jedenfalls nicht im Laden.

Jedes Geschäft lockt mit einer kleinen Aktion. Bei Fotostudio Conrads sind wieder die Passbilder für zehn Euro der Renner, Susanne Mantz vom „designbüro.mantz“ ist mit dem „Agenturbauchladen“ unterwegs, der selbstkreierte Streichholzschachteln und Postkarten feil bietet. Und beim Frische-Duo gibt‘s Handkäs mit Musik und einen Äppler für drei Euro. Um sich zurecht zu finden, sind sämtliche Angebote auf der ansprechend gestalteten „Shoppingtour-Card“ gelistet, die auch gleich einen Lageplan enthält. Und wenn man drei Aktionspartner besucht hat, kann man auch noch am Gewinnspiel um einen großen Fresskorb teilnehmen.

Bei der nächsten Gewerbevereinssitzung wird gemeinsam entschieden, ob die Kunden im nächsten Jahr wieder einen verkaufsoffenen Abend einplanen können.

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