Eingemeindung Bieber: Unliebsames Jubiläum

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Großen Besucher-Andrang nicht nur aus Bieber gab es im Haus der Stadtgeschichte zur Eröffnung der Bieber-Ausstellung.

Offenbach - Das gespaltene Verhältnis zwischen Offenbach und Bieber ist vor allem Thema in der Fastnacht oder bei Gesprächen mit Alteingesessenen. Hintergrund ist aber ein historisch ernster. 1938 wurde der Ort von den Nationalsozialisten zwangseingemeindet. Von David Heisig

Mahnmal dafür ist das abgerissene Rathaus gegenüber der Pfarrkirche St. Nikolaus – heute eine kleine Grünfläche. Aus Anlass der Eingemeindung widmet das Haus der Stadtgeschichte Bieber eine Ausstellung: „Bieber – Seit 75 Jahren ein Stadtteil von Offenbach“.

„Es ist, wenn man so fast bei null anfängt eine sehr spannende Sache“, erzählt Dorothea Held, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, von der Aufarbeitung der Ortsgeschichte. Die Eröffnung stößt auf Interesse. Viele sind gekommen, um sich die Exponate anzuschauen. Schnell werden noch Sitzgelegenheiten organisiert, bevor Oberbürgermeister Horst Schneider die Ausstellung eröffnet. Charmant kokettiert er mit den Befindlichkeiten – und muss zugeben, dass mit der urkundlichen Erwähnung im Lorscher Kodex 791 Bieber viel älter ist als Offenbach. Aber seine weiteren Ausführungen beschreiben den ernsten Hintergrund.

In schmerzhafter Erinnerung

Das waren noch Zeiten: Lederwaren aus „Bieber bei Offenbach“.

Den 1. April 1938 hat man in Bieber in schmerzhafter Erinnerung. Die Eingemeindung ging ohne Vertrag und ohne Akten vonstatten. Erstaunlich sei, wie schnell Offenbach sich damals von einer roten in eine braune Stadt gewandelt habe. So hat die Eingemeindung tiefe Wunden hinterlassen. Dennoch halte manche Zwangsheirat länger als eine Liebesehe, mutmaßt Schneider. Stadt und Stadtteil hätten viel voneinander profitiert – bis heute. „Auch am Ostendplatz wird es mal so sein“, hofft er und spielt damit auf den Streit um die Bebauung an. Zudem könne sich im Rhein-Main-Gebiet als Metropolregion keine Gemeinde „innere Konkurrenz“ leisten. Da sei die Idee von einem eigenständigen Ort Bieber doch recht weltfremd.

Manche Wunde scheint bis dato aber noch nicht verheilt zu sein. So berichtet Stadtarchivarin Anjali Pujari, dass der Heimatverein Biebers sich nicht mit einem Exponat an der Ausstellung beteiligen wollte. Die Eingemeindung vor 75 Jahren könne man nicht als Anlass akzeptieren. Vor allem ältere Bieberer empfänden die Eingemeindung heute noch als Affront. Dabei sei das Jubiläum nur der Aufhänger. Vielmehr ginge es darum, Bieber als lebendigen Stadtteil zu zeigen.

Mehrere Schwerpunkte

Mehrere Schwerpunkte sind gewählt worden, erklärt Kuratorin Dorothea Held. So stehen die Kirchengemeinden, das Vereinsleben, die Lederwarenindustrie und die Bieberer Wahrzeichen im Vordergrund. Viele Bieberer teilen diese Idee auch. So haben sich einige für eine Videoinstallation zum Thema Eingemeindung interviewen lassen. Privatpersonen und Vereine haben Exponate zur Verfügung gestellt. Zum Beispiel die Pfarrgemeinde St. Nikolaus. Eine Holzskulptur des segnenden Christus von 1900 oder die Heilige Elisabeth als Keramikskulptur. Die Luthergemeinde zeigt etwa einen silbernen Brotteller für das Abendmahl. Die Geschichte der Kirche ist für Punjali eine überraschende Erkenntnis. Selbst in der Nazizeit gebaut, zeigt das Altarbild einen Christus als blonden Hünen. Die Menschen, die sich von ihm abwenden, sind in der vom Rassenwahn der Nazis etablierten Physiognomie als Juden gemalt. Etwas mit dem man sich heute noch kritisch beschäftigen müsse, erklärt Held.

Weitere Exponate unter anderem: ein Wimpel des Turnvereins 1861 Bieber oder die Vereinsfahne des Gesangsverein Frohsinn von 1902. Zudem viele Bilder. Hinzu kommen Objekte aus den Archiven der Stadt, wie das „Bieberer Amulett“ aus der Bronzezeit (1000 v. Chr.). Die Ausstellung wird bis zum 21. April gezeigt.

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