Eingerostete Lohnschere

Offenbach - (mcr) Offenbachs Frauenbeauftragte Karin Dörr muss ihren Gesinnungsvorfahrinnen für vieles dankbar sein. Hätten sich am 19. März 1911 - dem ersten Internationalen Frauentag - nicht bemerkenswert viele Vertreterinnen des vermeintlich schwachen Geschlechts so offensiv für ihre Interessen stark gemacht, gäbe es Dörrs Job vielleicht noch nicht.

Und auch die Offenbacher Frauen- und Mädchenwochen wären ohne die Vorarbeit der Pionierinnen der Gleichberechtigung wohl auch heute noch eher exotische Erscheinung denn Selbstverständlichkeit. Allein: So viel die Damen damals innerhalb weniger Jahre bewegten, so starr scheint die Situation heute.

Dass es beispielsweise am Freitag (20. März, 14 bis 16.30 Uhr, Volkshochschule, Berliner Straße 77) einen „Equal Pay Day“ gibt, kann für Dörr und andere bemühte Institutionen eigentlich kein Grund zur Freude sein. Denn es ist keine Gedenkveranstaltung, bei der längst Erreichtes wie „90 Jahre Frauenwahlrecht“ gefeiert wird.

Es ist, zum Abschluss der mittlerweile 18. Frauen- und Mädchenwochen, ein Vortrag samt Diskussion zur „Entgeltgleichheit“. Uta Behrens vom Deutschen Juristinnenbund wird erklären, welche Wege der Gesetzgeber vorgibt, um eine für eine moderne Gesellschaft beschämende Zahl wenigstens etwas korrigieren zu können: Frauen in Deutschland bekamen im vorvergangenen Jahr durchschnittlich 23 Prozent weniger Bruttostundenlohn als Männer. Das besagt eine Eurostat-Statistik, das ist im Vergleich mit anderen Ländern (Frankreich: 15,8, Italien: 4,4, Europa gesamt: 17,4 Prozent) ein sehr schlechter Wert. „Und das“, sagten gestern die Frauenbeauftragte Karin Dörr und Bettina Ellermann-Cacace, Vorsitzende des IG Metall-Frauenausschusses Offenbach, „ist vielen Gründen geschuldet“.

Unter anderem dem, dass sich die Frauen von heute im Vergleich mit denen von damals trotz viel besserer gesetzlicher Möglichkeiten offensichtlich williger in ihr Schicksal fügen. Die Klageflut gegen Ungleichbehandlung in Betrieben jedenfalls, die Ellermann-Cacace für möglich gehalten hatte, war nicht mal ein Rinnsal; „das hat nicht dazu beigetragen, die Einkommensschere zu schließen. Eher im Gegenteil.“

Gebessert, wenn auch noch nicht ausreichend, habe sich zwar die so wichtige Flexibilität der Kinderbetreuung, auch die für Kleinkinder. Doch gegen das immer noch sehr traditionsverliebte Rollenverständnis - Frauen sind für die Kindererziehung zuständig und später als Wiedereinsteigerinnen mit weniger Berufsjahren von Karrierechancen abgekoppelt - predigt das für den „Equal Pay Day“ verantwortliche Aktionsbündnis aus Wirtschaftsverbänden und Frauenorganisationen bisher vergeblich.

Und dabei müsste sich noch viel mehr ändern. Beispielsweise die Aufteilung in klassische Männerberufe und in - viel schlechter bezahlte - Frauenberufe. Auch in anderen Punkten will Dörr nicht nur vor fremden Türen kehren. In der Stadtverwaltung selbst gibt es momentan eine Frauenquote von 56 Prozent, wobei die Damen, weil oft auf Teilzeitstellen, eine viel niedrigere Beschäftigungsquote haben. Auskünfte, wie es in den Töchtern des Stadtkonzerns um Geschlechterquoten, Besoldungsstufen, Hierarchien und Karrierechancen steht, erwartet Dörr Ende April im städtischen Beteiligungsbericht.

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